Wie alles begann…

Achtung – sehr lange Geschichte!

Nachdem ich Mitte Juli einen Knoten am Brustansatz unter der Achselhöhle gefühlt hatte und daraufhin zur FÄ bin – meinem Mann habe ich hier wohl mein Leben zu verdanken, denn ich hatte es als Milchdrüse oder Lymphdrüsen abgetan – wurde am 07.07. eine Stanzbiopsie beim Radiologen durchgeführt. Auch da war ich noch optimistisch, was mir als elenden Pessimisten gar nicht ähnlich sieht.
Das Wochenende verging und ich rief Montag, den 11.07. In der Praxis an. Nein, man habe noch kein Ergebnis, ich solle nachmittags mal bei meiner Gynäkologin anrufen.
Also erledigte ich einige Einkäufe mit Romy, meiner im September vier Jahre alt werdenden Tochter, und rief gegen Mittag bei der FÄ an. Nein, man habe eben einen Bericht bekommen, Histologie sei noch ausstehend. Na gut, rufe ich morgen an. Immerhin hatte ich für den Mittwoch, den 13.07.2016, einen nicht unwichtigen Termin, nämlich an diesem Tag sollte mein Sohn per Kaiserschnitt auf die Welt kommen. Ja, ein Wunsch-Kaiserschnitt, nachdem meine Tochter damals ein Not-KS war dank Missverhältnis und man mir sagte, es könne sein, dass mein Sohn ähnliche Maße habe. Zumindest hieß es Mitte Juni noch, er sei etwas überdurchschnittlich groß.
Am Tag davor, den 12.07., sollte ich vorab in die Klinik zu diversen Voruntersuchungen, CTG, Blutabnahme, Aufnahme, Papierkram, und sollte dann am 13.07. um 7 Uhr wiederkommen zum KS.

Kurz nach dem Mittag klingelte das Telefon. Ich sah auf das Display und las den Namen meiner FÄ und dachte „oh, na wie nett, rufen sie mich an, haben das Ergebnis also doch noch heute bekommen“. Und dachte mir tatsächlich immer noch nix schlimmes dabei. Bis ich ran ging…
Am Telefon war meine FÄ persönlich. Sie sprach ganz langsam, andächtig, und schon als sie sagte „Hallo Frau L., hier ist Frau Dr. Sch.“, wurde mein Gehör schon wie Watte und ich setzte mich auf die Couch… Es ist dieser Ton, den man von keinem Arzt je hören will.
Wir sollten bitte am gleichen Abend in die Praxis kommen, das Ergebnis sei da. Ich versuchte verzweifelt noch, mich, vor dem Abgrund stehen sehend, zu retten und erwiderte „oh, das klingt ja nicht gut, also bösartig“ – in dem Moment in dieser Hoffnung, sie würde sagen „ne, ach so schlimm nicht Frau L., keine Sorge“, aber diese so ersehnte Beschwichtigung blieb einfach aus…

Wir vereinbarten einen Termin, ich nahm alles nur noch wie in Zeitlupe wahr, taumelte zurück ins Arbeitszimmer, war beim rangehen ins Wohnzimmer gegangen, sah meinen Mann an und weinte los. Er fing auch sofort an und Romy saß an ihrem Tischchen und guckte uns fragend an. Ich riss mich also schnell wieder zusammen und umschrieb meinem Mann alles nur, damit sie nicht noch mehr mitbekäme.
Dann setzte ich mich hin, aber nach kurzer Zeit überkam mich große Übelkeit und ich musste würgen. Ich huschte schnell ins Badezimmer und klappte den Klodeckel hoch, mein Herz raste, ich würgte. Meine Emetophobie, die Angst vor dem Erbrechen, hatte mich seit 2001 kotzfrei gehalten. Und nun kam der Krebs und ich muss mich übergeben? Nein! Ich versuchte ruhig zu atmen, „komm schon, beruhige dich, versuch klar zu denken, atme durch die Nase, alles gut“, ich beruhigte mich langsam, eine große Übelkeit blieb zurück, aber das Würgegefühl nicht mehr. Ich weiß nicht, wie lange ich im Bad stand, mich im Spiegel ansah, aber doch irgendwie durch mich durch guckte. Gespuckt habe ich jedenfalls bis heute nicht.
Ich taumelte irgendwann aus dem Bad und legte mich ins Schlafzimmer. Kaum lag ich, bekam ich, natürlich wie all die Wochen zuvor schon, Sodbrennen. Schlecht war mir so extrem, aber dieses „schlechte Nachrichten“-schlecht, kein „ich muss spucken“-schlecht mehr.
An den restlichen Tag mag ich mich kaum mehr erinnern. Ich weiß nur noch, dass mein Sohn in meinem Bauch total Randale gemacht hat, er hatte dauernd Schluckauf, streckte sich, stieß die Füße in meinen Magen, das Köpfchen knallte an den Muttermund. Klar, mein Puls und Blutdruck waren spürbar am Maximum und er schien mir deutlich zeigen zu wollen, dass er da raus will.

Ich beschloss an diesem Nachmittag, den Termin abends nicht wahrnehmen zu können. Ich merkte, würde ich mich aus diesem Bett, dieser Wohnung bewegen, ich würde heute keine Details mehr verkraften. Würde in oder vor die Praxis spucken, ins Auto oder würde ohnmächtig. Ich wusste genug und weitere Erklärungen hätten mir mehr geschadet als genutzt.

Auch wenn es meinem Mann natürlich ebenso sehr schlecht ging, er wollte Gewissheit, mehr Informationen, und er fuhr nach Absprache mit der Praxis am Abend alleine hin. Dafür zolle ich ihm jeden Respekt. Ich war nicht stark genug.

Es ging mir weiterhin sehr schlecht, noch schlechter als er weg war, und das nahm zu, als ich hörte wie er zurück kam. Der Verstand ist manchmal schon komisch, ging mir trotzdem noch durch den Kopf, als ich hörte wie er die Tür aufschloss: „Nun sagt er dir, dass es halb so wild ist wie du angenommen hast,die FÄ hat das nur dramatisiert, es könnte mal bösartig werden, ist es aber nicht“ oder so.

Er kam ins Schlafzimmer, Romy saß neben mir mit ihrem Playmobil spielend im Bett, und legte sich ans Fußende. Ich sah ihn an und entdeckte in dem Moment seine rötlichen Augen. Die habe ich bisher nicht oft gesehen, beim letzten Mal nach meiner Fehlgeburt 2011. Er hatte also geweint. Und der Traum in meinem Hirn, es sei alles nicht so schlimm, platzte und eine Welt brach für mich zusammen.

Am gleichen Abend noch rief die FÄ erneut an, sie habe mit dem Krankenhaus, in dem ich übermorgen, also den 13.07., den KS Termin hätte, telefoniert, dort wüssten alle Bescheid. Die Dienst habende Ärztin hätte gemeint, wir könnten auch theoretisch sofort kommen und man nähme den KS vor, wann immer ich möchte.
Ich lehnte die Vorstellung gedanklich sofort ab. Ihn heute holen? Nein! Ich hatte morgen früh schon den Termin zu den Voruntersuchungen und wollte diesen schon absagen, verschieben. Nein, ich will das alles nicht mehr, keine Geburt, kein Baby, keinen Krebs, ich will mein Leben wieder, haltet das Karussell in meinem Kopf an! Ich wollte am liebsten die Decke über den Kopf ziehen und nie wieder aufstehen. Ich überlegte auch lange Zeit, den KS-Termin zu verschieben. Ich fühlte mich absolut nicht in der Lage aufzustehen, zu agieren, hielt mich psychisch und physisch für unfähig, das durchzuhalten. Eine OP. Krankenhaus. Bettnachbarin. Getrennt von Romy und meinem Mann. Krebs. KREBS! Nein. Macht ohne mich weiter.

Die Nacht vom 11.07. auf den 12.07. war sehr schlimm, wohl die schlimmste meines bisherigen Lebens. Mein Sohn machte weiter Randale, streckte sich, machte sich lang, drückte, trat, schlug, und je mehr Stunden in der Nacht vergingen und ich so in meinem Thron, gebaut vor vielen Wochen aus Stillkissen und diversen Kopfkissen, um das Sodbrennen unter Kontrolle zu haben, so sitzend nachdachte, desto mehr festigte ich meinen Entschluss: Mein Sohn soll doch schon heute, am 12.07. auf die Welt kommen. Ich möchte ihn nicht weiter stressen, er zeigte mir auf seine Weise, dass er raus möchte, er kämpfe, strampelte, merkte, dass Mami Stress hat, Angst, Wut, Trauer… Ich nahm all meinen Mut zusammen, sagte mir, dass auch verschieben nichts mehr an der Diagnose ändern würde, und redete mir selbst Stärke und Mut zu. Ich war seit dem Mittagessen am vorigen Tag nüchtern, klar, der Hunger war weg. Einen Schluck getrunken hatte ich kurz vor Mitternacht. Ab da verbiss ich mich in den Gedanken mit dem Kaiserschnitt. Die Klinik hatte es ja auch angeboten.

Am nächsten Morgen erzählte ich meinem Mann von dem Entschluss, den Kaiserschnitt heute machen zu lassen. Mir war die ganze Nacht ohnehin sehr, sehr schlecht gewesen, ich war nüchtern, aber irgendwie schwankte ich und wollte wissen, ob ich ein Medikament gegen Sodbrennen nehmen darf. Nicht dass es hinterher daran gescheitert wäre. Von wegen „oh Frau L., Sie haben das eingenommen? Ne, dann geht die OP nicht mehr.“ Wahrscheinlich Quatsch, aber ich kenne mich halt nicht aus. Oder sollte ich es doch lassen? Ist eine gefestigte Psyche für eine OP nicht immer besser? Doch noch warten? VET ist schließlich erst der 27.07. und ich hatte ja bis zum Schluss gehofft, er würde sich von selbst auf den Weg machen und so seinen Geburtstag selbst bestimmen. Tja, daraus wurde leider nie etwas.
Ich rief also im Krankenhaus an und fragte, ob es denn heute ginge mit dem KS und ob ich was gegen das Sodbrennen nehmen darf. „Kommen Sie erst mal her, wir sind aber recht voll heute, und mit dem Medikament, hm, das weiß ich nicht.“ Gut, danke, grmpf.

Also ging ich duschen, Sohn weiterhin am randalieren. Ich nahm alles noch mal ganz bewusst auf, seifte meinen Bauch noch mal ordentlich ein, streichelte ihn. Seifte dann den Rest ein, griff mir mit den Händen unter die Achseln, Brustansatz, und spürte den Knoten wieder, Tränen schossen mir in die Augen, ich begann zu weinen, stellte mich direkt unter den Wasserstrahl und ließ die Wassertropfen meine Tränen weg spülen.
Dann kam meine Mutter, die zwei Etagen über uns wohnt, herunter, um auf Romy aufzupassen, und dann fuhren mein Mann und ich los. Vorher verabschiedeten wir uns von Romy, meinem Mann fiel es genauso schwer wie mir, er kämpfte mit den Tränen, aber wir wollten ihr nichts vorher sagen, sie wäre nur aufgeregt, durcheinander und verwirrt gewesen. Wir gingen ins Treppenhaus, ich lehnte mich an die Wand. Meiner Mutter hatte ich nicht Tschüss gesagt, ich konnte nicht. Das hätte sich so endgültig angefühlt. So von wegen „ich verabschiede mich jetzt, wer weiß für wie lange“. Nachher ist der Bauch weg. Plötzlich wieder unschwanger. Mit der Diagnose. Mir war so schlecht.
Aber mein Entschluss stand inzwischen so fest, trotz meiner großen Angst, dass ich vorher bewusst die Wohnung verlassen, an mir herunter gesehen und meinen Bauch gestreichelt hatte, dachte „das war das letzte Mal mit dicker Kugel hier. Es war die schönste Zeit, es war die schwerste Zeit“.

In der Klinik begrüßte uns der Chefarzt persönlich, er war von meiner Situation in Kenntnis gesetzt und eröffnete mir gleich zu Beginn, dass sie am Morgen bereits zwei Kaiserschnitte hatten, die Station sei auch voll und es wäre nicht korrekt, wenn sie das heute durchführen.
Wie bitte???!!! In meinem Kopf schrie in dem Moment eine Stimme „Neeeeeeeeeeeeeeiiiiiiin! Du Gott in Weiß, der du vor mir sitzt, mit deinen wunderschönen blauen Augen. Ich sehe, wie sich dein Mund weiter bewegt, aber ich verstehe dich nicht… Ich wollte doch aber so gern, man hat mir gesagt das geht… Nein…“ – Halt Moni, hör ihm doch mal zu! Ich konzentrierte mich und hörte zu, was er sagte. Und was er sagte, war großartig. Er erklärte alles toll und brachte gute Beispiele, Stichwort Tibet, dort gibt es keinen Krebs, andere Krankheiten, ja, und dass er dort war, einen Patienten hatte, der „damals geöffnet wurde und alles wucherte in ihm, unheilbar“ oder irgendwie so, der lebte noch zig Jahre, verstarb an einem Unfall, oder so, ich kann das alles nicht wiedergeben, es war auf jeden Fall mit Sinn und Verstand und er formulierte es natürlich kompetenter als ich es gerade tue.
Der Kasper in mir tauchte kurz in Gedanken auf: durch seinen serbischen Dialekt musste ich an eine Szene aus der Serie „King of Queens“ denken, in der Folge gibt es einen Handwerker, der in russischem oder serbischen Akzent sagt „ich suche eine dreipolige Steckdose“ und der Kasper in mir kicherte wie blöd…
„Moni, du denkst in so einer Situation ernsthaft an KoQ? Reiß dich zusammen!“ Ähem. Ich konzentrierte mich wieder. Kurz. Dann dachte ich wieder „naaahaaaain, bitte heute, ich sitze hier hungrig und durstig, noch so ne Nacht? Das überlebe ich nicht!“
Als er mit seinem Monolog, bei dem ich natürlich auch beim gedanklichen Abschweifen immer nett lächelte und nickte, zum Ende kam, platzte es aus mir heraus. Dass ich jetzt enttäuscht sei, dass es heute nicht ginge, Frau Dr. Sch., meine FÄ, hätte gestern angerufen und man habe gesagt, ich könne jederzeit vorbei kommen. – Als ich fertig gejammert hatte, merkte ich, dass ich das alles irgendwie im falschen Moment gesagt hatte. Hm, na auch egal jetzt.
Doktor-unglaublich-schöne-blue-eyes sah mich an, „es gäbe da noch eine Möglichkeit, warten Sie, ich kläre das.“ und ging kurz heraus. Wieder dachte ich an die King of Queens Szene… „Moni! Contenance!“
Keine Minute später stand er vor mir: „So, wir machen das heute, Sie werden nach oben verlegt.“ Also nicht zu den Wöchnerinnen, sondern auf die, ja, was eigentlich? Hier liegen eigentlich Frauen mit anderen gynäkologischen Operationen. Ich spürte Angst und Erleichterung gleichzeitig, drückte die Hand meines Mannes.

Es ging also los. Wir gingen in ein CTG Zimmer, weil beide Kreisssäle besetzt waren. Dort wurde ich über Narkosen aufgeklärt, mir wurde schon ein Zugang und eine Infusion gelegt (damit ich Flüssigkeit bekam, war ich ja schon so lange „trocken“ gewesen), dann wurde auch schon das Bett rein gerollt. Dann hieß es ausziehen, das war schon irgendwie peinlich, wenn eine Schwester neben dir hockt und dir aus dem Schlüppi hilft und ihr Kopf genau in Kugelbauchhöhe ist und du denkst „wenn ich mich jetzt schnell drehe, knocke ich sie mit einem Mal um.“ Schließlich OP Hemd an, mein Mann musste dann kurz aus dem Zimmer, damit mir der Blasenkatheter gelegt werden konnte. Ich merkte aber vorher schon, dass ich Pipi machen muss und meinte, ob ich nicht vorher noch auf die Toilette soll. Da lachte die Hebamme schallend „haha, na dafür machen wir das doch jetzt“, tat es, und jauchzte plötzlich wie ein Kind an Weihnachten „ah sieh an, schon sprudelt es so schön!“ und war ganz angetan von ihrer gelungenen Arbeit. In dem Moment dachte ich „Tschüss Würde. Wer weiß, wo du sie heute noch überall verlierst…“ Ja, es gab auch am nächsten Tag noch Situationen, wo ich das dachte. Wenn du den Katheter wieder gezogen bekommst und dich zwei Schwestern auf die Toilette begleiten, du Pipi machen musst, während eine Schwester neben dir steht und die andere im Zimmer was werkelt und plötzlich ins Bad ruft“ oh Frau L, wie schön, ich höre Sie machen Pipi! Klappt ja super!“, möchtest du nur noch eine facepalm machen. Oder sich im Sitzen den Oberkörper waschen, während die Schwester dich etwas hält, und dir den Rücken wäscht, und du dich eh schon wie ein ausgeleiertes Sofakissen fühlst, weil dein Bauch gefühlt bis zu den Knien schlabbert, dein Rücken voller Aknenarben ist und du dich eklig und dreckig fühlst, durftest du ja noch nicht wieder duschen gehen.

Wie dem auch sei, so lag ich Minuten später im Bett, nur Hemdchen an, Katheter drin, Schmuck ab und OP-Haube auf. Dann musste ich noch eine kleine Flasche mit Flüssigkeit trinken, ich fragte vorher was das ist, das sei gegen Übelkeit. Ah okay, her damit *kipp* und dachte beim schlucken *boah eklig, ich glaub sie hat sich vertan, das ist FÜR Übelkeit*… Aber es ging dann doch und mir kam es vor, als sei mein Sodbrennen besser.
Dann dem Mann einen Kuss gegeben, ich habe seine schönen großen braunen, aber mich voller Sorge erfüllten Augen in Erinnerung, und schon wurde ich weg gerollt. Ja, richtig, mein Mann blieb im CTG-Zimmer. Er kann Blut, OP und Co. nicht ertragen. SAW gucken wiederum funktioniert, aber bei einer Folge Greys Anatomy fast das Würgen kriegen, das soll mal einer kapieren. Aber ich bin auch der Typ, der sowas lieber allein durchlebt. Ich brauche niemanden, der meinen Kopf streichelt. Wenn er das eines Tages tut, weiß ich, dass ich sterben muss. Und ich möchte mich in solchen Momenten auf mich konzentrieren und nicht Angst haben müssen, meinen Mann gleich spucken oder umfallen zu sehen. Bei Romys Geburt hatte ich ihn unter stärker werdenden Wehen damals auch hinaus befördert (in einem Tonfall, den er mir bis heute nicht verziehen hat. Dabei sollte es nicht so schroff klingen, es war dem Wehensturm geschuldet. Gut, ein „der soll hier verschwinden“ mit einer stimmlichen Tonlage wie beim Exorzisten muss man das aber wohl als böse gemeint annehmen, verstehe ich ja).

Ich würde also durch die Katakomben der Klinik geschoben und war so nervös und aufgeregt, war froh zu liegen. Die Hebamme beruhigte mich, gleich sei alles vorbei und dann sei mein Kind da – jaaa, sie hat recht! Ach ja, scheiße, die Diagnose…“ – ist übrigens aktuell eine Art des Denkens, die mich leider bis heute immer wieder eiskalt erwischt – und dann stand plötzlich ein Anästhesist neben mir, deren Name ich leider nicht mehr weiß. Aber er hatte einen wahnsinnig trockenen Humor, wie ich ihn liebe, und das lenkte mich gut ab. Als er merkte, dass ich darauf einstieg, konterte er mehr und mehr, wie ein verbales Wortwitzduell. Auch hier kann ich kein Beispiel mehr geben. Doch, irgendwann kamen Witze darüber, dass ich Kassenpatient bin und ja Glück habe, jetzt überhaupt eine Narkose zu kriegen… Ach, bei der TKK sei ich? Oha, dann gäbe es wohl doch nur Akupunkturnadeln als Narkosemittel und so weiter. Na ja, man muss wohl dabei gewesen sein, um es lustig zu finden. Ich fand ihn jedenfalls erfrischend und es half kurzzeitig gegen diese scheiß Aufregung. Oder als ich von meinem Bett auf den OP-Tisch rutschen sollte. Ich sagte zu ihm „na Sie sind gut, ich kann mich eh schon kaum bewegen und bei meinem Glück rutsche ich hier gleich in die Lücke der beiden Tische.“ Ich sah ihn anhand der Augen lächeln und er meinte „nee, nee, dafür haben Sie einen zu dicken… Bauch“. Ich meinte nur, dass das nett sei, dass er jetzt ‚Bauch‘ gesagt habe.

Und dann wussten plötzlich sechs, sieben, acht Menschen umher. Hebamme, Arzt, Anästhesist, hier jemand, da jemand. Eine Frau und ich unterhielten uns noch und sie fragte mich, ob das ein Fehler sei. In den Unterlagen stünde, dass der KS am 13.07. durchgeführt wird. Ich erklärte ihr, dass ich am vorigen Tag die Diagnose erhalten habe und sie guckte mich nur geschockt an und aus ihr schoss ein mich tröstendes, aus tiefster Seele kommendes „Ach du scheiße!“, wünsche mir dann alles Gute, viel Kraft usw.
Schließlich wurde ich verkabelt, hörte das Piepen vom Herzmonitor, sollte mich dann aufsetzen und mich richtig schön krumm machen. Au scheiße, jetzt kommt also gleich die Spinalanästhesie. Ich hatte genug Zeit gehabt, mir das Aufklärungsblatt, das ich im Juni zum Geburtsplanungsgespräch bekommen hatte, durchzulesen und mir die größten Horrorgeschichten auszumalen. Was da alles passieren kann! Und die genaue Erklärung, wie das gemacht wird, urgh. Bei dem Not-KS damals war ich so fertig nach dem voran gegangenen Wehentropf inklusive Wehensturm, dazu war es damals mitten in der Nacht und ich so müde, dass ich das alles damals nicht wirklich vernahm.
Nun aber saß ich da wie ein kaputtes dickes Fragezeichen, versuchte mich mit meinem runden Bauch so rund wie möglich zu machen und erlebte alles ganz, ganz bewusst. Dann spürte ich Spritze eins. Huh, das hat gepiekst. Okay. Ah. So, Ankündigung, die nächste – aua! Ja okay, puh, überlebt. Ich bin nicht sicher, ob noch eine kam, aber dann kam plötzlich *ramm* AUA VERDAMMT UND VERTEUFELT!!! Es durchzog mich ein Blitz, der bis ins rechte Bein zog, ich stöhnte leise auf. Kurze Zeit später fragte man mich, ob ich merken würde, dass mein Po warm wird. Äh, nein. Nein. NEIN! Um Himmels Willen, da ist was schief gelaufen, tut was!!11einself! AAAHHHH!
Dann legte jemand seine Hand auf meine Stirn und fragte „ist das kalt?“ – „ja“, legte die Hand auf meinen Brustkorb „ist das kalt?“ – „joa“. „Kälter als oben?“ Äh, was? Das erinnerte mich an Fielmann, Sehtest. „Ist unter dieser Einstellung das Sehen besser, schlechter oder gleich bleibend?“ „äh, kann ich noch mal?“, dann wird die vorherige Einstellung vorgenommen, wieder die neue und man denkt „verarsch mich nicht, das ist doch genau dasselbe. Oder…? Verdammt, du musst das richtig machen, sonst ist deine Brille hinterher nicht optimal“.
Ich war also immer noch konzentriert darauf, dass mein Arsch heiß werden soll, es aber nicht tat. Zumal fiel mir auf, dass ich Berührungen irgendwie wahr nahm, aber keine Empfindung dabei. Schwer zu beschreiben. Aber unangenehm, es beunruhigte mich zunehmend.
Ich war immer noch in Panik, merkte wie mir heiß wurde, ich legte mich hin, bekam die Arme fest geschnallt und das Tuch wurde als Sichtschutz aufgehängt. So lag ich da. Dann merkte ich, wie man meinen Bauch desinfiziert, merkte das reiben, dass da jemand ist, aber keine Kälte oder so, und wusste genau, dass das gerade aussieht, als würde man eine fleischige Bowlingkugel marinieren (Stichwort Betaisodona). Und wieder stieg Panik in mir hoch, bei Romys KS hatte ich das nicht so gemerkt.

Und dann vernahm ich, wie es los ging. Aber nicht, weil jemand sagte, dass es startet, nein, weil man die Schere hörte. Ja, ich hörte, wie eine Schere Fleisch schneidet. Moment, MEIN Fleisch. Ich schloss die Augen, dachte an Romy und meinen Sohn. Mein Sohn, der gleich da sein wird. Moment, höre ich da gerade Fleisch reißen…? Mir wurde übel und heiß. Ich öffnete die Augen, Flimmern vor meinen Augen. Hörte den Herz-Monitor. Scheiße, nun liegst du hier, klappst gleich weg. Das war es schon, brauchst nicht mehr gegen Krebs kämpfen. Okay, dann sei es so. Holt ihn bitte schnell und mein Mann kümmert sich, er schafft das schon ohne mich…
Ich brauchte viel Kraft, bis ich ein „mir ist schlecht“ stammeln konnte, mein Lieblings-Anästhesist entgegnete nur ein ganz trockenes, humoristisch getöntes „na dann sagen Se das doch“, „spritzte mir was in den Zugang und ich merkte wenige Sekunden später, wie es etwas besser wurde. Ich weiß noch, dass ich dann stöhnte „hab ich ja.“ Klar, ich wieder, immer das letzte Wort haben.

Man verliert dort jegliches Zeitgefühl und teilweise gingen meine Ohren zu, ich hörte alles nur noch dumpf. Irgendwie unterhielten sich aber auch alle untereinander und so bekam ich oft nicht mit, wenn man mit mir redete, zumal ich eh versuchte die Geräusche auszublenden.

Auf einmal hörte ich es pladdern. Ich fing erneut an in Panik zu geraten, überlegte, ob das nun Blut oder Fruchtwasser gewesen war. Und dann kam er: Der Moment, der plötzlich alles vorherige Negative ausblendet. Der dich vergessen lässt, dass du dort mit offenem Bauch liegst, dass du die Diagnose Brustkrebs hast, dass du sterblich bist, dass es Probleme gibt, Sorgen, Nöte, dass es Attentate, Kriege, Anschläge gibt: Ich hörte eine Frauenstimme sagen „Zwölf Uhr drei“ und direkt im Anschluss die ersten Schreie meines Sohnes. Ich fing an zu zittern und zu weinen gleichzeitig, alle Anspannung in mir fiel ab. Ich weiß noch, dass mir der Anästhesist ein Papiertuch für die Tränen auf die Brust legte, mir sagte, ich sei an den Armen nicht mehr angeschnallt und in dem Moment kam auch schon die Hebamme mit meinem Sohn zu mir und hielt ihn mir direkt ins Gesicht. Da sah ich ihn, und ich war sofort schwer verliebt. Wie er da im Handtuch lag, sein kleines Gesichtchen mit Käseschmiere dekoriert, und ich gab ihm überall Küsse, streichelte ihn, roch ihn. Und ich hatte während der Schwangerschaft wirklich Zweifel, ob ich je zwei Kinder lieben könnte? Und war anfangs enttäuscht, dass es kein zweites Mädchen wird? Bis heute möchte ich mir für diese Gedanken täglich eine reinzimmern, aber nun ist es so, meine Strafe dürfte ich ja nun erhalten haben.
Seine schönen schwarzen Haare fielen sofort auf, wie sein Papi! Und er sah so perfekt aus, so vollkommen, nicht aufgedunsen, nicht übermäßig groß, nicht zu klein, rosig, einfach perfekt.
Viel zu schnell vergingen die Sekunden und dann musste der Kleine natürlich zur U1, untersucht werden. Also verschwanden die beiden wieder und ich atmete tief durch, voll gepumpt mit Glücksgefühlen. Leider merkte ich dennoch bald erneut, dass mir etwas übel wurde, aber diesmal fiel es mir leichter Bescheid zu geben und ich bekam erneut was in meinen Zugang gespritzt (fieses Gefühl übrigens, wenn es so kalt in den Arm schießt).
Ich habe keine Ahnung, wie lange ich dort noch lag. Ich hatte die Augen zu und dachte an diesen wunderschönen kleinen Kerl, den ich gerade gesehen hatte. Dann dachte ich an meine Romy, die genau in jenem Moment Mittag essen würde mit ihrer Omi oder vergnügt und munter ein Bild ausmalte. Und ich dachte an meinen Mann. Meinen tollen, großartigen Mann, der, auch wenn er nicht da war, für mich da war. Mit dem ich die zwei für mich schönsten Kinder dieser Welt gezeugt habe. Mit dem ich seit 15 Jahren zusammen bin. Und egal was passiert, er wird immer der Vater bleiben und ich immer die Mutter. Ich spürte, dass er an mich denkt, und ich fühlte mich plötzlich so komplett, wie ein Puzzle, bei dem das letzte Teil eingefügt ist und man mit der flachen Hand noch mal darüber streicht um zu fühlen, ob es komplett ist.
Plötzlich raschelte es und ich öffnete die Augen. Das Tuch vor mir wurde abgenommen, ich spürte eine große Welle Erleichterung. Moni, du hast es geschafft. Dein Sohn ist da! Ich war so zittrig und konnte es kaum erwarten, meinen Sohn wieder zu sehen, nie wieder möchte ich diesen Anblick missen.
Ich wurde vom OP-Tisch zurück in mein Bett gerollt (witziges Gefühl so ab Brust abwärts betäubt) und schließlich wieder durch die Katakomben geschoben. Ich dachte nur „schiebt schneller!“. Die Hebamme war plötzlich auch wieder da und erzählte mir, dass mein Mann unseren Sohn direkt haben wollte, ohne waschen, anziehen. Vorher hatte ich der Hebamme noch gesagt, dass sie den Kleinen lieber erst säubern und einkleiden sollen, erzählte mir mein Mann kürzlich erst, dass Romy ihm damals ziemlich schmierig und blutig gegeben wurde und er verträgt das ja nun mal nicht so. Wow, da meint man seinen Mann 15 Jahre zu kennen…
Je näher wir dem Zimmer kamen, desto mehr fühlte ich diese Aufregung, Freude, Adrenalin, keine Ahnung, pure Liebe. Schließlich ging die Tür auf und ich sah meinen großen Kerl auf dem CTG-Stuhl liegen, kuschelnd mit meinem kleinen Kerl. Mir ging das Herz über, er sah mich an und mir liefen die Tränen, ich sagte nur „Hallo Papi!“ und er sah mich so besorgt, aber voller Liebe an „alles in Ordnung?“ Oh ja, das war es. Es war alles in Ordnung. Wenigstens für diesen Moment.

Unser Sohn, Mick Eric L. kam also am 12.07.2016 um 12:03 Uhr mit 53 cm, 3570 Gramm und einem KU von 36 cm zur Welt. Nix mit überdurchschnittlich groß. Theoretisch hätte ich sicher eine Spontangeburt geschafft. Aber es ist in Ordnung so wie es ist und ich bereue nichts.

Der Tag vor seinem Geburtstag wird mir leider immer in Erinnerung bleiben. Aber ich hoffe, noch viele schöne Jahre vor mir zu haben, ihn und meine Tochter aufwachsen sehen zu dürfen und mit meinem Mann mindestens die Silberhochzeit zu schaffen. Außerdem will ich die beiden in ihrer Pubertät erleben, möchte ihren Hochzeiten beiwohnen, ihre Kinder kennenlernen. Das wäre wirklich toll.

Ich habe sehr große Angst vor der Zukunft, weiß nicht, was mich erwartet. Weiß nicht, ob ich überlebe. Aber ich weiß, dass ich wunderschöne Jahre mit meinem Mann hatte, dass ich zwei wunderschöne Kinder habe und dafür so unendlich dankbar bin. Und ich muss kämpfen, nur weiß ich nicht, ob die Kraft reichen wird. Jedenfalls bin ich froh, dass es mich erwischt hat und nicht einen meiner Lieben. So kann ICH kämpfen und muss nicht hilflos zusehen. Das stelle ich mir nämlich auch nicht einfach vor. Aber ich werde das schaffen. Ich habe bisher alles geschafft, und ich bin ein echter Sturkopf (fragt mal meinen Mann…)! Aber auch wenn nicht, so bin ich unendlich dankbar für meine zwei wundervollen Kinder und den besten Ehemann der Welt. Die Drei machen die Welt, meine Welt, ein großes Stück besser, geben mir Halt, Geborgenheit, das Gefühl von Heimat, ich weiß, dass ich da angekommen bin, wo ich immer hin wollte. Keine Karriere, kein Reichtum, keinen Schmuck oder Diamanten. Die Drei sind alles, was ich je wollte. Aber es wäre so schön, die Zeit weiter genießen zu dürfen.

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Autor:

Monica L., alias Chemonica, geboren und wohnend seit 30.11.1982 in Braunschweig. Glücklich verliebt seit 2001 und verheiratet seit 2010 mit Jörn (lordlaui), zudem fast vor Stolz platzende Mami von Romy (*19.09.2012) und Mick (*12.07.2016). Am 11.07.2016 warf mir die Diagnose Brustkrebs gehörig einen Knüppel zwischen die Beine (G3, triple negativ, 2,5 cm, 4/10 befallene Lymphknoten etc.) und aktuell setze ich - hoffentlich - alles Machbare ein, um wieder krebsfrei zu werden.

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