Graue Gedanken

Ab und an kommen sie, die grauen Gedanken. Ich versuche ja immer, das Glas halb voll zu sehen, aber manchmal erscheint es echt komplett leer (jetzt schon, das kann ja heiter werden, wenn ich erst einmal die Chemo plus Nebenwirkungen habe…).

Man hört und liest von Frauen, die Brustkrebs bekommen/haben, bekämpft haben. Man liest ihre Zahlen, Daten, Fakten und beunruhigenderweise haben die meisten einen kleineren Tumor als ich, oder er saß/sitzt nicht in 4 von 10 Lymphknoten, oder er hat nicht G3… Das sind Momente, wo mir echt heiß wird und diese scheiß Sorge in mir hochkommt „was, wenn du das nicht überlebst?“ oder „scheiße, der Rotz kommt in ein paar Jahren eh wieder, und dann in der Lunge“. Dann tauchen diese grauen Gedanken auf, dass ich jetzt diesen bitteren Kampf kämpfe, und dennoch in einigen (wenigen?) Jahren eine weitere Krebsdiagnose verkraften muss. Diese Angst, dass er wiederkommt – wobei, aktuell ist er ja nur weg, weil er herausgeschnitten wurde. Die blöden Zellen haben wahrscheinlich noch nicht kapiert, dass sie aufhören müssen, sich ins Böse zu mutieren. Ich habe ehrlich gesagt immer noch keine genaue Ahnung, wie Krebs funktioniert. Auch habe ich hier noch Unmengen von Lektüre liegen, die ich mir vielleicht mal durchlesen sollte. Aber das Schlimme ist: Ich mag mich mit dem Mist überhaupt nicht auseinandersetzen. Ich habe meinen Alltag, meine Kinder, Bügelwäsche, Einkäufe, ich will nicht mal Zeit dafür finden. Allein der Gedanke, bald nicht mehr völlig mobil und aktiv am Leben teilnehmen zu können, treibt mich in den Wahnsinn.

Klar, auf den ersten Moment klingt es ganz verlockend eigentlich: „hey, nicht mehr Romy zum Kindergarten bringen oder abholen. Einkaufen? Ne, macht Jörn.“ Aber den Preis, den ich dafür bezahle, ist viel zu hoch, als dass ich mich darüber freuen könnte. Ich muss unter der Chemo Menschenansammlungen meiden, weil mein Immunsystem komplett herunterfährt. Ich werde Nebenwirkungen haben, deren Ausmaße ich noch nicht weiß (und mit ziemlicher Sicherheit auch nicht wissen möchte) und ich habe keine Ahnung, ob und wie sehr mich das alles verändern wird. Was, wenn mein Mann eines Tages merkt, dass er mich nicht mehr liebt, weil die Krankheit mich in irgendeiner Form vom Wesen her verändert hat? Oder wenn meine Tochter mich plötzlich nicht mehr mag, weil Mami immer nur müde und krank ist? Mein Sohn ist noch zu klein, da könnte ich Glück haben.

Aber werde ich wirklich Glück haben? Werde ich meine Kinder mal bei ihrer Einschulung sehen? Oder in ihrer tiefsten Pubertät erleben? Ihren Hochzeiten beiwohnen? Selbst einmal Omi werden? Komischerweise habe ich mir vor der Diagnose von Karl-Arsch, dem Schalentier, nie darüber Gedanken gemacht. Dabei hätte ich das dann schon auch gemusst, denn Gefahren jeglicher Art fürs Leben lauern überall (und jeder, der mich schon hat Autofahren sehen, weiß dies…).

Manchmal kommt sie einfach, diese rotzblöde Angst, dass ich das alles gerade umsonst durchmache, dass ich von Anfang an nie eine Chance hatte, es mir nur kein Arzt zu sagen traut. Und, nein, man sollte nie nach „Brustkrebs Überlebenschancen“ oder ähnlichem googeln. Weil das zur Folge hat, dass man beim Lesen totale Panik bekommt (erwähnte ich schon, dass ich Hochrisikokrebs habe mit einer hohen Wahrscheinlichkeit eines Rezidivs?). Ja, da ist sie wieder, diese scheiß Angst, während ich diese Buchstaben tippe. Zeitgleich, während meine Tochter zwei Meter neben mir sitzt und mit ihren Wachsmalern malt und mich fragt, ob sie das Bild nicht toll gemalt hat. Während mein Sohn im Esszimmer im Laufstall liegt und friedlich schläft. Während dieses Leben so verdammt trügerisch normal wirkt. Dabei ist irgendwie gar nix mehr normal. Wird es das je wieder? Ich befürchte irgendwie nicht.

Advertisements

Autor:

Monica L., alias Chemonica, geboren und wohnend seit 30.11.1982 in Braunschweig. Glücklich verliebt seit 2001 und verheiratet seit 2010 mit Jörn (lordlaui), zudem fast vor Stolz platzende Mami von Romy (*19.09.2012) und Mick (*12.07.2016). Am 11.07.2016 warf mir die Diagnose Brustkrebs gehörig einen Knüppel zwischen die Beine (G3, triple negativ, 2,5 cm, 4/10 befallene Lymphknoten etc.) und aktuell setze ich - hoffentlich - alles Machbare ein, um wieder krebsfrei zu werden.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s