Tag 4 nach Chemo 1, oder: Wie man sich selbst Steine in den Weg legt

Guten Tag werte Leserschaft!

Als erstes stelle ich freudig – oder eher erschreckend? – fest, dass es wirklich Menschen gibt, die Gefallen daran finden, meinen geistigen Abfall durchzulesen. All meine abstrusen Gedanken, Ideen, Wünsche, Erlebnisse. Hm, nun gut, ihr seid, denke ich, alle alt genug. Ich gebe es aber auch zu, gerührt bin ich. Sehr sogar! Von all eurer Anteilnahme, euren Kommentaren, persönlichen Nachrichten bei Facebook und diversen Foren. An dieser Stelle danke ich euch allen ganz herzlich! Und genau DAS nervt mich so: Ich bekomme so tröstende, aufmunternde Worte, tolle, mich so zum weinen bringende Päckchen, Pakete, Karten – und was kann ich erwidern? „bla bla, danke, bla“. Ich fühle mich so hilflos, wenngleich natürlich wahnsinnig erfreut und ich könnte mir in die Hose strullern vor Freude (ja, nein, also ihr wisst schon, ich tue es nicht, DAS habe ich noch unter Kontrolle). Aber ich würde gerne jedem Einzelnen von euch etwas zurückgeben, aber was? Ich habe das Gefühl, meine Worte reichen nicht.
Ich meine, man stelle sich mal vor: Es gibt Menschen, die suchen daheim ihre kostbarsten Dinge zusammen, kaufen Wolle, Schokolade, Karten, diverse Hygieneartikel, Dekosachen, Geschenke für meine Kinder, verpacken dies liebevoll, schreiben Karten, verzieren alles etc, pp. Und ich öffne es daheim und bin sprach-, fassungs- und wortlos, aber gleichzeitig so gerührt und habe das Gefühl, ein gesagtes oder geschriebenes Danke reicht einfach nicht.

Dennoch möchte ich jedem Einzelnen von euch für eure Taten, Worte, Gedanken so herzlich danken! Viele von euch kenne ich nicht einmal persönlich, manche von euch habe ich vor vielen Jahren zuletzt gesehen, andere vor wenigen Tagen. Und dennoch gibt es da draußen Menschen, die Anteil an meinem Leben, meiner Familie, ja, leider an meiner dämlichen Krankheit haben. Und ihr alle macht euch Sorgen, wollt mir eine Freude machen, mir das Leid nehmen, und das finde ich so großartig und wunderbar, es ist der sanfteste, zärtlichste Balsam für meine Seele, den sie je erfahren durfte. Ich verneige mich vor euch und drücke jeden von euch ganz, ganz fest!

So, genug der Rührseligkeiten *Tränen wegwisch*
Was passiert wohl, wenn Frau L. aus BS an der O. versucht, den normalen Alltag wieder einkehren zu lassen? Richtig, nichts gutes.
Heute Morgen war ich voller Tatendrang. Ich merkte, dass es mir trotz geringerer Medikamenteneinnahme (vor allem seit heute keine Medis gegen Übelkeit mehr, davor hatte ich große Angst, weiß jeder von euch wohl von meiner dummen Emetophobie) irgendwie ganz gut ging.
Also stand ich um halb sechs auf, als Mick Hunger bekam, gab ihm seine Flasche und zog mich anschließend endlich mal wieder normal an, also mal keine Jogginghose und Schlabbershirt, sondern meinen neuen Strickpulli und Jeans. Ah, klasse, da fühlte man sich gleich wieder als Mensch, prima!

Dann machte ich Romy Frühstück, legte Kleider für die Kinder raus und dann stand mein Mann auch schon auf, denn heute stand der Orthopädentermin für Mick auf dem Programm. Die Diagnose „Hüftreifungsstörung“ stand im Raum – na toll, reicht denn (m)eine Baustelle nicht schon?

Nachdem der Morgen so vor sich hinstresste (Kinder waschen, anziehen, hier Schmutzwäsche suchen, da ne Waschmaschine anwerfen, Betten machen usw.) und Mann und beide Kinder halb acht das Haus verließen, fühlte ich mich plötzlich total einsam. Da fiel mir auf, dass ich seit Micks Geburt noch nicht eine Minute ohne die beiden daheim war – glaube ich zumindest. Jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern, und es machte mich in diesem Moment total traurig. Ja, es ist so – ich mag Kinder nicht bedingungslos. Es gibt manche Kinder, mit denen werde ich nicht warm, die möchte ich am liebsten mit einem spitzen Zeigefinger leicht an der Stirn berühren und sie zur Seite schieben und sagen „los, geh bitte spielen, aber weiche von mir, gutes Kind“, ja, ich bin vielleicht ein Kinder-Arsch, es tut mir leid. Aber genauso, wie ich nicht jeden Erwachsenen mag, so kann ich auch nicht mit jedem Kind. Tjaha, vielleicht denken sich gerade manche von euch „boah, was ein Miststück, gut dass sie schon Krebs hat, pah!“. Ich bin nur ehrlich und spiele niemandem etwas vor. Aber zu euer aller Beruhigung, es ist sicher keines eurer Kinder gemeint, denn ich heuchele kein Interesse, wenn keines da ist 😉 Aber ich liebe, liebe, liebe meine eigenen Kinder und will nicht eine Minute ohne sie sein. Klar muss ich das oft, und nicht grundlos war Romy drei Jahre bei mir, ehe sie in den Kindergarten kam. Aber wir haben die Zeit beide genossen. Inzwischen braucht sie aber ihre Gruppe und ich merke ja selbst, wie gut ihr der Umgang mit anderen tut. Ich weiß aber auch, dass wir die Jahre zuvor für uns gebraucht haben. Kann jeder von halten was er will, genau wie vom Familienbett, das wir auch bis heute praktizieren.

Hm, schon wieder so weit ausgeholt. Na ja, ihr kennt ja meine Romane. Jedenfalls nutzte ich die Mann- und Kinderfreie Zeit und sortierte weiter Wäsche, räumte herum und schon bald trudelten meine drei Nasen wieder ein. Romy wäre im Auto fast eingeschlafen. Auch gefällt sie mir seit Tagen schon nicht, die letzten beiden Wochenenden hatte sie Fieber, Husten und/oder Schnupfen und die Waldwoche im Kindergarten letzte Woche hatte noch ihr Übriges dazu getan, dass ihr Akku einfach leer zu sein scheint. Also bleibt sie heute und morgen daheim bei mir.

Jörn, der heute Spätschicht hat, fuhr nochmals allein los, einkaufen, denn auch das soll ich mir ja künftig verkneifen, denn mit fortschreitender Chemo wird mein komplettes Immunsystem herunterfahren, nein, realistisch ausgedrückt gibt es dann keines mehr. Ich muss wöchentlich zur Blutabnahme und das Ergebnis bekomme ich jedesmal sofort. Und dann wird mir gleich gesagt, ob Quarantäne oder nicht. Also ob ich Menschenansammlungen, Einkäufe und ähnliches meiden muss. Allein diese Umstellung kostet mich persönlich viel Überwindung, vertrödelte ich sonst meine Hausfrau- und Mami-Vormittage nur allzu gern im Aldi, Rossmann, real,- und Co.

Also Mann verteilte nun Geld und ich widmete mich meiner Bügelwäsche, macht sich ja nix von alleine. Als Jörn dann mit den Einkäufen eintrudelte, scannte ich alles (ja, ich bin ein neues Opfer der GFK ;)) und fing dann an, das Mittagessen für Romy und mich zu kochen (diese Kürbissuppe lieben wir beide). Da merkte ich schon, dass mich das alles ungewöhnlich viel Kraft kostet, allein den Kürbis in seine Einzelteile zu zerschnippeln, war schweißtreibend. Aber egal, stell dich nicht so an Moni!

Der Vormittag rannte weg, Suppe kochte, Wäsche bügelte sich gut weg, Kind spielte schön, Baby schlief friedlich, Mann machte Ehemann-Dinge (okay, ich weiß es wirklich nicht, ich glaube er saß noch kurz am PC, ehe er dann zur Arbeit musste). Romy und ich aßen zu Mittag und dann quietschte mein Handy am frühen Nachmittag, meine beiden Päckchen, auf die ich schon wartete, waren in der Packstation eingetroffen. Packstation deswegen, weil unser Paketmann einer von der ganz flinken Sorte ist und ich aktuell nicht schnell genug von der Couch hoch komme, als dass ich ihn noch erwischen würde (sofern ich denn auf der Couch liege, aber morgen sicherlich, ich verspreche es!). Und ich sagte mir, so ein kleiner Spaziergang zur Packstation hat noch keinen umgebracht (woher war ich mir da eigentlich so sicher? Hm.).

Zwischenzeitlich kam meine Mami, die im gleichen Mietshaus wohnt wie wir, noch herunter und gab Mick die Flasche, das war super, denn so konnte ich „schnell“ alleine mit Romy los und musste weder Kinderwagen aus dem Auto heben noch ihn in der Marsupi tragen (Tragetuch geht aktuell leider wegen der Narbe unter der rechten Achselhöhle nicht so gut, jedenfalls nicht meine einzige Wickelkreuz-Tragetechnik, die ich beherrsche). Wie dem auch sei: Ich war noch nie so langsam unterwegs wie heute. Ich merkte auch vorher schon, dass mir warm war, was ich aber eher auf die unglaublich große Freude schob, die mir die liebe D. mit ihrem grandiosen Paket beschert hat! Auf meinem Informationszettel meiner „Chemopraxis“ ist als einziger Punkt mit grünem Textmarker gekennzeichnet, dass ich mich ab 37,5° Temperatur umgehend in der Praxis melden soll. Ich hielt kurz inne und stopfte mir dann unser Ohrthermometer in die Muschel. Hrmpf, 37,3° im linken Ohr, 36,8° im rechten. Mist, du willst aber deine Päckchen haben! Zumal in einem Päckchen Wolle war, die ich heute Abend noch anfangen will zu verstricken. Und wer meinen Dickkopf kennt, weiß, dass ich das, was ich mir vorgenommen habe, irgendwie auch immer versuche durchzuziehen.

Also schlich ich mich, wie gesagt, im Schneckentempo mit Romy zur Packstation und es ging auch alles gut. Anschließend durfte meine Mami wieder in ihre Wohnung, Mick schlafen und Romy TV gucken (sie entschied sich für Sindbad) und ich versackte für 1,5 Stunden Schlaf auf der Couch, wobei meine Reaktionszeit noch gut funktionierte, musste ich zwischendrin für Romy auf Darkwing Duck und Duck Tales umswitchen. Sie kuschelte sich auch zweimal zu mir und ich schlief erneut sofort ein. Um kurz nach 17 Uhr erwachte ich wieder zum Leben, machte dann erst Romy, anschließend Mick und zuletzt mir Abendbrot.
Dieser Verlauf hat mich heute sehr traurig gemacht und mir knallhart vor den Latz gezimmert, dass ich wirklich, wirklich krank bin (ja, lacht nur, aber bis zum Tag der Chemo existierte der Krebs für mich nur auf dem Papier – und zwei Narben, die die Diagnose beweisen sollen, nun gut, aber schnippeln kann ja jeder mal schnell, oder?). Aber es ist, so habe ich nun lernen müssen, ein wesentlicher Unterschied, ob man in Bequemoklamotten in der Wohnung auf- und ablatscht oder ob man versucht, sich um den Haushalt, Kinder, Essen zu kümmern und dann noch übermütig meint, die Packstation-Weltherrschaft an sich zu reißen, weil man vermutet, nicht einen Abend ohne die neu bestellte Wolle zu überleben, die der Mann zu kaufen erlaubt hat (oh weh, das klingt…).

Ja, ja, ich weiß. Aber fürs schimpfen isses nun eh zu spät, werte Leserschaft. Ich habe meine Lektion gelernt. Denn mich plagt nun eine große Müdigkeit, eine leichte, unterschwellige Übelkeit und ich habe leichte Sehstörungen. Also werde ich mich jetzt, ohne über Los zu gehen oder irgendwo Euros einzuziehen (schade eigentlich…) auf die Couch werfen und mich durchs langweilige TV-Programm zappen, ehe meine Augen vermutlich nach etwa 3,28 Minuten zufallen werden, bis mich entweder ein Babygeräusch direkt neben mir, ein Kinderrufen aus dem Babyphone oder mein schrecklich laut aufschließender Ehemann mich aus dem Land der Chemo-Träume reißen werden. Aber ich werde da sein und mich kümmern – und bleiben, versprochen! Und wer meinen Dickkopf kennt…

 

 

Advertisements

Autor:

Monica L., alias Chemonica, geboren und wohnend seit 30.11.1982 in Braunschweig. Glücklich verliebt seit 2001 und verheiratet seit 2010 mit Jörn (lordlaui), zudem fast vor Stolz platzende Mami von Romy (*19.09.2012) und Mick (*12.07.2016). Am 11.07.2016 warf mir die Diagnose Brustkrebs gehörig einen Knüppel zwischen die Beine (G3, triple negativ, 2,5 cm, 4/10 befallene Lymphknoten etc.) und aktuell setze ich - hoffentlich - alles Machbare ein, um wieder krebsfrei zu werden.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s