Kleine doofe Nachtgedanken 

Mein kleiner Sohn. Diese Schuldgefühle dir und deiner Schwester gegenüber sind manchmal wirklich groß und schwer zu ertragen.

Ich sollte mich so viel mehr um dich kümmern. Mit dir herausgehen, die Zeit noch mehr mit dir genießen, die Tage verflogen so schnell. Du bist fast elf Wochen alt und dieser Krebs hat so viel Freude, Wochenbett, Kuschelzeit, Idylle und Geborgenheit gefressen, die ich mir für die Zeit nach deiner Geburt so gewünscht hatte, war die Schwangerschaft ja nicht gerade immer erholsam und einfach für mich – oder uns? Oh je, das klingt als würde ich dich vernachlässigen. Nein, aber dass ich mich so viel um mich kümmern muss, nervt mich so extrem. Dass meine Gedanken so viel um meine Nebenwirkungen und Medikamente kreisen, kotzt mich an.

Mein großes Ziel, neben der Genesung natürlich, ist eine Anschlussheilbehandlung, Kur, Reha, was auch immer, mit dir und deiner Schwester. Ein Traum wäre die Nordsee. Oder Meer halt. Wenn dein Papa dann mitkommen könnte, wäre das fantastisch, ich habe gehört, eine Begleitperson könne mit. Wir schauen mal, ich habe leider erst ein Achtel der Chemo geschafft und der Weg bis dahin ist noch so weit. Aber ich bündele all meine Kraft und wir schaffen das zusammen!

Dein Blick, wenn ich dir mitten in der Nacht die Flasche gebe, der Blick, der mir tief im Inneren immer etwas weh tut, weil ich nie die Chance bekommen durfte, dich stillen zu dürfen. Dein kleines, so Herz erweichendes Lachen, dein Glucksen. Das alles gibt mir so viel Lebensmut, Freude, nicht in Worte fassen könnende Liebe. Und du bist noch so klein und hilflos, weißt noch nichts von all unserem Kummer. Und ich arbeite hart daran, dass dieses Kapitel früh genug geschlossen werden kann, damit wir dein Leben, dein Dasein endlich so unbeschwert genießen, bespielen, bekuscheln können, ohne diesen blöden Krebs-Schatten.

Manchmal kommt dieser Krebs nämlich mit seinen dunklen Gedanken um die Ecke und fragt mich, ob ich mir sicher bin, ihn zu besiegen. Und meine Antwort variiert – leider. Manchmal antworte ich: „Natürlich werde ich dich besiegen. Du bist jetzt aufgetaucht und mein Schicksal ist es, dich jetzt zu bezwingen. Meine persönliche Challenge. Und dann gehst du bitte und bleibst fern von mir und vor allem meiner Familie.“ Ich möchte eigentlich nicht auf den Krebs schimpfen. Es ist so gekommen wie es kam, warum sich meine Zellen ins Böse verkehren weiß ich nicht, wenn man das wüsste, wäre die Forschung ein großes Stück weiter. Der Gedanke, dass das immer und überall im Körper wieder und wieder passieren kann, ist so Angst einflößend. Dass ich in x Monaten, Jahren, Jahrzehnten eines Tages erneut so einen Tag, einen Anruf, einen Schicksalsschlag erleben muss, der mir den Boden wieder unter den Füßen weg zieht, der mir mein schönes Leben mit einem Mal zerstört und mir vor Augen führt, wie schnell Gesundheit und Krankheit beieinander liegen, wie schnell man aus dem Leben gerissen würde und sein Dasein aufgeben müsste. Sich mit dem Gedanken abfinden muss, einfach da aufzuhören, wo man gerade ist. Denn dann gibt es noch die Antwort, die ich dem Krebs geben muss, die mir so große Angst und Schmerz bereitet: Ich weiß nicht, ob ich das alles überlebe, wie alt ich mal werde, ob ich dich und deine Schwester aufwachsen sehe, ob ich mal Rente erhalte, noch mal wieder arbeiten gehe, eure Partner kennenlernen oder dich auch nur laufen lernen sehe. Aber eines verspreche ich: Ich versuche es! Und bis dahin bin ich da und gebe dir und deiner Schwester weiterhin all meine Liebe.

Du und deine Schwester, ihr seid das größte Glück, und wenn ich in meinem Leben echt Murks gemacht habe (mein Leben am PC vergurkt, nie Party gemacht, am liebsten daheim gehockt, gezockt, gestrickt, geraucht wie ein Schornstein, Schulabbruch mit entsprechendem Zeitverlust, das wieder aufzuholen usw.), das alles hätte mir schon zu denken geben müssen. WENN ich nämlich mal alt werden sollte, dann in Armut, denn ich bin für euch da, nicht für die Rentenkasse. Aber ich würde alles wieder so tun. Auch wenn ich schon 33 bin und damit für eine Mami relativ alt heutzutage (so wird es immer wieder suggeriert von diversen Seiten), so war dennoch alles richtig, das gesamte Timing. Nur den Krebs, den hatte ich in meiner Lebensplanung echt nicht einkalkuliert.

Jetzt ist es vier Uhr, du liegst neben mir in deiner Wiege und ich werde jetzt deine kleine Hand halten und noch zwei Stündchen schlafen, eh du wieder wach wirst und Hunger hast oder wenn deine Schwester zu uns ins Wohnzimmer getapst kommt und uns fröhlich einen guten Morgen wünscht. Und dann beginnt ein neuer Tag, der mich ein Stück näher ans Ziel bringt. Das Ziel KREBSFREI.

Ein kleines Nacht-Selfie (wir warteten aufs Bäuerchen :D)

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Autor:

Monica L., alias Chemonica, geboren und wohnend seit 30.11.1982 in Braunschweig. Glücklich verliebt seit 2001 und verheiratet seit 2010 mit Jörn (lordlaui), zudem fast vor Stolz platzende Mami von Romy (*19.09.2012) und Mick (*12.07.2016). Am 11.07.2016 warf mir die Diagnose Brustkrebs gehörig einen Knüppel zwischen die Beine (G3, triple negativ, 2,5 cm, 4/10 befallene Lymphknoten etc.) und aktuell setze ich - hoffentlich - alles Machbare ein, um wieder krebsfrei zu werden.

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