Labor 1

Heute war die erste Blutuntersuchung nach Chemo 1. Den schlafenden Mick hatte ich vorher zu seinem Nachtschicht-schlafenden Papa ins Zimmer geschoben, Romy hatte er morgens noch in den Kindergarten gefahren. Um kurz vor elf kam mein Taxi und wir fuhren zur Praxis. Anfangs hatte ich ja echt meine Probleme damit – wie, ich soll nicht selbst in die Praxis fahren dürfen? Ich mache meinen Kram aber immer allein und ich bin doch nicht krank! Äh, na ja, ich revidiere das inzwischen. Und wenn man vom Kopf her so Matsch ist, muss man sich eingestehen, dass es besser und gesünder ist, nicht selbst das Lenkrad zu bedienen. 

In der Praxis angekommen musste ich etwas warten, bis das Labor frei war. Mir fielen wieder sofort die Frauen im Wartezimmer auf, die durch ihre unechten Haare auffielen. Versteht mich nicht falsch, diese Frauen sehen toll aus und ich habe ja nun selbst eine Perücke, aber ich merke es wirklich: Ich traue mich echt nicht, die draußen zu tragen. Ich fühle mich damit so verkleidet und als wenn man mir sofort ansehen würde, dass ich krank bin. Klar, meine Beanie bei 25 Grad Außentemperatur spricht nicht für große Gesundheit, aber das stört mich merkwürdigerweise gar nicht. Das Verhalten von Betroffenen  untereinander ist wortlos. Man wirft sich beim Betreten eines Raumes schon einen „Scheiße, du auch? Willkommen im Club“-Blick zu. Und ich muss gestehen, mich tröstet das irgendwie immer ein ganz klein bisschen. Nein, ich bin nicht alleine auf dieser Welt mit dieser blöden Diagnose.

Nach einiger Zeit rief mich Caro, die Labortussi, zu sich und begrüßte mich mit einem „Halloooo Moni, wie geht es dir?“ und ich berichtete kurz über meine nicht zu beschreibende Müdigkeit (man googele mal nach Fatigue, es zerrt echt so an den Kräften). Dann beschlossen wir aufgrund meiner ja schon immer schlechten Venen, wieder über den Port Blut abzunehmen. Also anlehnen, damit sie den Knopf gut findet, tief ausatmen, einatmen, Pieks, drin, läuft. Wir machten etwas Smalltalk und währenddessen ratterte der Kasten neben mir ordentlich, der nämlich binnen Minuten meine Blutwerte auswertet. Und in dem Moment hörte ich Caro schon sagen: „Oh Schatz, wir haben 1,1, das ist nicht gut, das ist echt grenzwertig. Ich schick dich zum Doc rein. Hast du sonst Beschweren? Fieber?“ Nein, hatte ich nicht, äh, glaube ich. Gemessen hatte ich ja gar nicht mehr. Wenn ihr müde seid, messt ihr ja auch nicht, oder? Ich sah dafür keinen Grund. Ich berichtete über meine ganz leichten Schluckbeschwerden und dass mein Sohn gestern noch beim Arzt war, da er Ausschlag und erhöhte Temperatur habe. Letzte Nacht weinte er so heftig, ihm tat jeder Schluck hörbar weh und er weinte sich richtig in Rage. Klar, wenn es weh tut beim schlucken, dann muss man weinen. Aber durchs weinen tat es sicherlich noch mehr weh, ergo: doller weinen. Das tat mir so leid und ich hatte große Probleme ihn zu beruhigen, so kannte ich meinen pflegeleichten Sohn gar nicht. Aber glücklicherweise schlief er kurze Zeit später erschöpft auf mir ein, was mir wiederum zwei Stunden Schlaf in der Küche im Sitzen sicherte. Aber was tut man nicht alles…  🙂

Caro jedenfalls erklärte mir, dass ich ab sofort geschlossene Räume nur noch mit Mundschutz betreten soll. Bzw. den Aufenthalt gänzlich vermeiden. An die frische Luft? Gern! Aber nicht einkaufen, im Taxi und Praxis, Fahrstuhl nur noch mit Mundschutz. Ich solle mir welche kaufen und mich jetzt gleich in den Gang setzen, wenn ich das Labor verlasse. Ach, sagte sie, das sei ja gar nicht gut, der Doc habe Frauen mit dem Wert schon ins Krankenhaus einweisen lassen und das wäre ja richtig blöd, denn da gäbe es ja auch so viele Viren und Bakterien und das wäre das letzte, das ich jetzt brauchen könne… Ich schluckte. Scheiße.

Sie entließ mich aus dem Labor und während ich so durch die plötzlich proppenvolle Praxis eierte, fragte ich mich zwei Fragen: 1. Wieso hast du eigentlich keinen Mundschutz in deiner Tasche? Gekauft sind sie und liegen daheim, toll, und 2. wieso hat eine Praxis für solche Fälle eigentlich keine vorrätig? Nun gut, ich schob Gedanken Nummer 2 beiseite, ist ja nicht deren Aufgabe mich zu betüdeln. Also ärgerte ich mich über mich selbst, dass ich so ein Ding nicht einfach eingepackt hatte, diese Eventualität nicht eingerechnet hatte, bin ich sonst für jeden Mist ausgerüstet (von der Sodbrennen-Tablette bis zum Pflaster). Na ja, wie dem auch sei, und versuchte so wenig wie möglich zu atmen, während ich mich an den Leuten vorbei schob, und stellte mich dann einfach auf den Flur, da das die einzig freie Ecke war, ohne mich eventuell zu kontaminieren. Glücklicherweise wurde ich auch schon wenige Minuten später aufgerufen und Dr. L. begrüßte mich. Er bat mich Platz zu nehmen und fragte mich, was mich zu ihm führe. „Äh, ja, Ihre Mitarbeiterin.“ Er führte aus, dass wir bei einem Wert von 0,5 mal anfangen uns Sorgen zu machen und wie es mir denn gehe, ob ich besonders müde sei und so. Ja, müde, so unbeschreiblich müde. Ja, das sei normal und bei mir sei es ja noch mal etwas schwerer, durch meinen kleinen Sohn bekäme ich sicher keine acht Stunden Schlaf am Stück. Haha, gut erkannt Doc! Er wirkte eher so nach „he, wo ist denn dein Problem? Alles halb so schlimm“ und ich fühlte mich plötzlich richtig doof, da man mich grundlos (?) in Angst versetzt hatte. Also klar, die Lage ist nicht witzig und ich muss, ja, das ist das Problem, ich muss??? Es gibt wohl keine Handlung, die ich aktuell unternehmen könnte, um die Leukozyten zu beeinflussen. Die Neulasta Spritze hatte ich mir an Tag 2 gesetzt (mein Herr ist mein Zeuge ;)) und alles andere erkämpft der Körper. Dennoch könne es halt sein, dass die Leukozyten so in den Keller gehen, sie sollten sich jetzt aber in den kommenden Tagen erholen, sonst steht die Option Krankenhaus im Raum. Oder, nehme ich an, dass Chemo Runde 2 verschoben werden müsste. Was wiederum blöd ist, weil sich 1. die ganze Therapie zeitlich nach hinten zieht, 2. müssen wir hart gegen den Hochrisiko-Krebs kämpfen, daher auch die kurzen Abstände von Chemo zu Chemo (zwei statt drei Wochen).
Wir verabredeten, dass ich übermorgen, also Mittwoch, nochmals zur Kontrolle komme und ich verließ das Sprechzimmer – und musste feststellen, dass die Praxis noch voller geworden war und viele Leute an der Anmeldung anstanden. Hm, ja was mache ich jetzt? Stelle mich also an, hole noch einen Termin und versuche so wenig wie möglich zu atmen (süß, mein Gedankengang, was? Als wenn das helfen würde).

Nach einiger Zeit kam mir Caro entgegen, „und Moni, was sagt der Doc?“ – „Joa, nicht ganz so dramatisch, ich soll übermorgen zur Kontrolle kommen.“ – „Okay, dann kommst du ab halb neun“ – „Ach so, dafür brauche ich jetzt keinen festen Termin?“ – „nein, nein. Und an deiner Stelle würde ich die Räumlichkeiten hier jetzt verlassen“ und blickte die Leute an. Bäm, sagte sie mir schon wieder so was Angst einflößendes. Okay, okay, ich bin schon weg, drückte den Knopf vom Fahrstuhl – und mir fiel ein „äh, wie kommst du jetzt heim?“ Ich sah in mein Handy und mir fiel auf, dass ich die Nummer von meinem Taxifahrer nur daheim eingespeichert hatte. AAAHHHH! Nur daheim? Im. Festnetz Telefon? Bist du denn bescheuert? Was jetzt? Noch mal an der Anmeldung anstellen? Nee das geht nicht. Ich huschte an den Leuten vorbei und griff mir die erste Helferin, die mir begegnete und fragte, ob sie mir bitte die Nummer geben können (der Taxifahrer wurde mir von der Praxis vermittelt). Ja, sage sie mir gleich, sie komme gleich wieder. Da stand ich, an der Seite der Anmeldung, und merkte plötzlich die vielen bösen Blicke der wartenden Patienten, an denen ich mich eben galant vorbei gedrängelt hatte. Ich drehte mich dezent zur Seite und in dem Moment fragte mich eine weitere Helferin, die aufgehört hatte zu telefonieren, wie sie mir helfen kann. Der Mann neben mir dachte, er sei gemeint, und sprach los. Sie guckte ihn an „nein, ich meinte die Dame“ und er fraß mich mit seinem bösen Blick. Ups, aber he, nicht meine schuld! „Danke, können Sie mir bitte die Nummer von Marius geben? Ich hab sie dummerweise nicht gespeichert.“Sie lachte auf, hatte gerade mit ihm telefoniert, wählte erneut und bestellte ihn zur Praxis. Ich bedankte mich vielmals und huschte erneut am wütenden Mob vorbei und sprang in den Fahrstuhl. Natürlich betrat zeitgleich eine Frau mit Kinderwagen, deren Kind schon die erste Klasse fast hätte absolvieren können, den Fahrstuhl und hustete erst einmal kräftig. Oh bitte Mama, lasst mich hier raus!

Endlich unten angekommen flitzte ich noch in die Apotheke rein, holte meine Rechnung von Chemo 1 ab und kaufte noch ein simples digitales Fieberthermometer, ich solle oral messen, nicht im Ohr, so sagte Caro vorhin noch. Mein neuestes Digitales hatte ich mir gekauft, als wir Mick herstellen wollten und es mit der Empfängnis nicht so (schnell) klappen wollte, wie wir das wollten. Immerhin 1,25 Jahre hatten wir ja gebraucht und so habe ich irgendwann mit mynfp (natürliche Familienplanung) angefangen. Nachdem Mick dann geboren war, erbte er mein Thermometer mit zwei Nachkommastellen und flexibler Spitze und ich möchte dieses Ding jetzt nur noch ungern in den Mund nehmen…
Anschließend wartete ich auf den Taxifahrer, beobachtete noch zwei Männer, die die Stoßstangen ihrer SUVs rieben, hatte einer der beiden beim einparken seines sechs Meter Geschosses den acht Meter Audi des anderen vor sich touchiert, und dachte mir noch so „DAS Problem hätte ich jetzt irgendwie gern anstelle von meinem“. Ja, ja, ab und an lasse ich etwas Selbstmitleid zu, seht es mir bitte nach.

Der Taxifahrer fuhr nach kurzer Zeit vor und brachte mich schnell und sicher nach Hause. Zwischendurch erzählte er mit von seinem schmerzenden Handgelenk, dass er sich daheim eine Diclo einwerfen werde und der Geruch ab und an ließ vermuten, dass er fröhlich vor sich hin furzte. Danke auch, bäh.

Daheim angekommen kochte ich mir Nudeln, wärmte meine morgens frisch gekochte Bolognese auf, aß etwas und legte mich danach mit Bauchschmerzen auf die Couch. Sind leider Nebenwirkungen vom Antibiotika. Aber was einen nicht umbringt…

Für den Mittag stand eigentlich noch Krankengymnastik an, aber ich sagte alle Termine ab. Die 20 Minuten Arm bewegen lassen helfen ja doch nicht wirklich und ich werde die Übungen, die mir mit dem Terraband gezeigt wurden, weiterhin machen. Und das muss reichen. Danach schrieb ich meiner Hebamme noch, dass ich unser Date am Mittwoch nicht wahrnehmen kann und so wurde aus einer Woche mit Terminen plötzlich eine Woche mit couchen. Am Freitag ist ja eigentlich das „Look good, feel better“ Schminkseminar. Mal sehen, was die Werte Mittwoch sagen, sonst kann ich den Termin auch absagen, hrmpf. Jetzt bleibt mir nichts weiter zu tun, als abzuwarten, dass mein Körper Leukozyten bildet und hoffen, dass Mann und Kind keine Viren und Bakterien anschleppen, die mich ins Krankenhaus befördern.

Autor:

Monica L., alias Chemonica, geboren und wohnend seit 30.11.1982 in Braunschweig. Glücklich verliebt seit 2001 und verheiratet seit 2010 mit Jörn (lordlaui), zudem fast vor Stolz platzende Mami von Romy (*19.09.2012) und Mick (*12.07.2016).

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