Chemo 2

Liebe Leser,

es tut mir leid, dass dieser Beitrag verspätet kommt. Ich habe gestern so liebe Nachrichten bekommen, jeder fragte mich, wie es mir geht, weil gar nichts in meinem Blog stünde und man sich Sorgen mache. Ein großes Danke hierfür – ihr denkt immer alle so lieb an mich, das tut so gut und gibt wahnsinnig viel Kraft!

Beginnen wir von vorne: Der Tag begann früh, denn Mick hatte Hunger und ich hatte eh wieder wahnsinnig schlecht geschlafen, ich denke diese Aufregung vor den Chemos werde ich nie los. Anderen geht es zumindest auch so, sehr tröstlich. Romy schlief leider sehr lange und ließ sich auch nur sehr schwer wecken. Da Jörn am Vorabend frühzeitig von der Arbeit kam, weil Schüttelfrost und Fieber (weiche von mir, Mann!), konnte er Romy also nicht wie gewohnt in den Kindergarten fahren. Ich hätte zwar konditionell gekonnt, aber zeitlich nicht, da sie frühestens um 7:30 Uhr dort sein kann, aber um diese Zeit kam auch mein Taxi. Glücklicherweise fanden wir eine sehr gute Lösung und Romy konnte doch noch in ihre geliebte Ini – vielen Dank Kim!

Der Morgen war turbulent und man gut, dass Kim da war und Romy fertig machen und ich mich Mick widmen konnte, ich wäre zeitlich sonst echt abgeschmiert. Um Punkt halb Acht klingelte es auch schon an der Tür, Mist! Das Taxi war das allererste Mal pünktlich. Glücklicherweise waren wir Drei auch gerade fertig, Mick hatte ich in die Nähe von Jörn geschoben (mit Viren-Sicherheitsabstand 😉 ) und so konnte es losgehen. Ich verabschiedete mich schnell von Kim und Romy und warf mich ins Taxi. Der Taxifahrer konnte es sich dennoch nicht verkneifen und zog mich mehrmals auf, dass er ja hatte klingeln kommen müssen. Ja mei, nicht weinen, alles gut, pff. Sonst stehe ich ja immer draußen und warte auf euch, Freunde!

Wie dem auch sei, wir kamen sehr gut durch und so war ich um 7:40 Uhr bereits in der Praxis. Ich musste noch eine gute halbe Stunde im Wartezimmer sitzen, die ganzen „Chemos“ müssen, bevor sie hoch (ins Paradies in den Therapiebereich) dürfen, ins Labor zur Blutbildkontrolle. Nur wenn alle Werte im grünen Bereich sind, darf man nach oben und die Chemo antreten. Im Wartezimmer saßen fast ausschließlich Chemo-Patientinnen, zu erkennen an Perücken und/oder großen Taschen, in denen sich diverses Equipment befindet (zum Beispiel Handtücher und dünne Handschuhe, da bei manchen Medikamenten Finger- und Fußnägel mit Kühlpads gekühlt werden müssen, um Verfärbungen und/oder Ablösungen der Nägel zu vermeiden oder zumindest zu verringern, Mundschutz, falls die Blutwerte doch so schlecht sein sollten, dass man die Chemo nicht, sondern den direkten Heimweg antreten muss, MP3-Player, Tablet, Strickzeug, was auch immer einem im der Zeit gut tun mag).
Im Wartezimmer fiel mir eine ältere Dame auf, die in Begleitung ihres – der Ähnlichkeit zufolge – Sohnes begleitet wurde. Sie hustete, schniefte und stöhnte extrem und ich überlegte wirklich schon, das Wartezimmer zu verlassen (man entwickelt sich unter Krebs echt zum Hypochonder, vermutet überall Viren und Bakterien und die Angst, bei Ansteckung im Krankenhaus zu landen, steigt echt ins Unermessliche!).
Aber ehe ich handeln konnte, kam auch ich endlich ins Labor. Porti kam zum Einsatz, wurde angezapft und ich wurde gewogen (sehr wichtig, weil sich nach dem Gewicht die genaue Medikation richtet). Die Waage zeigte ein – für mich – unerfreuliches Bild, hatte ich echt überhaupt nicht abgenommen, obwohl ich so wenig gegessen hatte. Aber man sagte mir, das sei sehr gut, denn eine Gewichtsreduktion ist im Therapieverlauf nie gut und eine Diät könne man nach Therapieende immer noch durchführen, wenn man denn den Drang dazu hätte. Grummel, na guuut, überredet.
Der Blutbildautomat ratterte fleißig: Die Blutwerte waren in Ordnung, aber ich solle noch zu Frau Dr. H. ins Sprechzimmer („mein“ Dr. L. ist dienstags nicht im Haus), gegebenenfalls müsse im Rahmen der GAINII-Studie, an der ich ja teilnehme, eine weitere Follikelzählung per Ultraschall vorgenommen werden (diese wurde vor Chemobeginn schon einmal durchgeführt. Es wird verglichen, ob die Follikelanzahl zu- oder abnimmt, da man bei Frauen meines Alters sicherstellen möchte, ob eine Fortpflanzung nach Therapieende noch möglich sein wird). Ich berichtete, dass ich am Vorabend meine Periode bekommen hatte (danke übrigens, lieber Körper, hab ich nicht schon genug zu leiden?!). Oh, ach so, na da müsse man mal sehen, ob die Zählung durchgeführt werden könne (was will man da zählen? Aber nun gut, ihr seid die Experten!). Ich solle vorne Platz nehmen. Na guuut.

Ich nahm vorne Platz, allerdings nicht im regulären Wartezimmer, denn da saß inzwischen auch „Schniefi“ und röchtelte freudig vor sich hin und der Raum hat keine 10 m². Und da saß ich dann, wartete, wartete, machte dumme Selfies:
2016-10-04 08.11.18.jpg

Simple Chemonica-Formel:
Chemonica + Langeweile² + Handy = völliger Unsinn³

Ich wartete echt lange, aber ich bin ja geduldig wie ein altes Zirkuspferd. Und tatsächlich rief mich Frau Dr. H. auch irgendwann zu sich.
„Guten Tag Frau L., was führt Sie zu mir?“
„Äh, Ihre Mitarbeiterin aus dem Labor?“
„Wie, was… Wieso?“
„Man sagte mir, es soll eventuell eine Follikelzählung durchgeführt werden. Ich sagte jedoch schon, dass ich gestern Abend meine Periode bekommen habe. Aber ich sollte dennoch zu Ihnen.“
„Ach… Wissen Sie, das geht nicht gegen Sie. Aber Sie sind nicht meine Patientin und ich kriege immer gar keine Information. Gestern Abend, sagten Sie? Da brauchen wir aber nichts zählen.“ (HA, sag ich doch! In Biologie ne Fünf gehabt – und auch nur ne Fünf und keine Sechs, weil ich ein Rinderauge seziert habe, aber das mal am Rande, kotz!)
Also verließ ich schlussendlich nach etwa einer Minute unverrichteter Dinge das Sprechzimmer und durfte endlich den Weg ins Paradies antreten, die Zählung wird nun am 19.10.2016 durchgeführt, so steht es jedenfalls auf meinem Zettel.

„Das Paradies“ konnte ich nur begrenzt mal knipsen, da der andere Platz besetzt war und ich möchte natürlich niemanden fotografieren.

Es gibt in der Therapie-Etage drei Zimmer mit insgesamt zehn Therapieplätzen, die auch (leider!) immer gut ausgebucht sind. Ein Therapieplatz besteht aus einem sehr bequemen Liegesessel mit Liegefunktion, Fußhocker, Fleece-Decke und dem wichtigsten Teil: Dem Infusionsständer samt Pumpe, die die genaue Medikamentenzufuhr regelt. Man bekommt Getränke angeboten (Tee, Kaffee, Wasser) und kann sich jederzeit an den Bonbons vergreifen, falls unter der Therapie der Geschmack im Mund zu eklig wird (kann passieren, ging mir diesmal auch so, bäh). Wenn man mal auf die Toilette muss, kann man das Stromkabel von der Pumpe lösen und mit seinem Infusionsständer aufs Örtchen tuckern. Man muss nur aufpassen, nicht mit seinem Kabel irgendwo hängen zu bleiben, könnte sehr schmerzhaft enden, wuiiih.

Dann kam es leider noch zur Startverzögerung. Erst, weil die Apotheke aus dem Erdgeschoss nicht mit meiner Dröhnung kam, und dann musste ich noch mit meiner Studienleiterin den Zettel mit meinen notierten Nebenwirkungen „abarbeiten“. Anschließend rief sie meinen Dr. L. (ich glaube er ist ihr Bruder, denn sie ist eine geborene „L.“) an und besprach die Ergebnisse mit ihm und beide kamen zu dem Entschluss, meine Dosis zu erhöhen. Kreisch! Oh weia. Na ja, aber wir wollen den Krebs ja an den Kragen. Mist, das hagelt sicher Nebenwirkungen 😦

Kaum war dies beschlossen, trudelte die Apothekerin mit ihrer Kühltasche an – halt, zurück, Dosiserhöhung. Also wieder warten, gääähn. Ja, wirklich gähn, denn die Tablette Emend mit 125 mg, die ich morgens um 7:00 Uhr vor Therapieantritt gegen Übelkeit nehmen muss, entfaltete langsam ihre ermüdende Wirkung. Aber ich bin nicht der Typ, der mal eben schlafen kann. Meine Sesselnachbarin schon. Geredet haben wir gar nicht. Also nahm ich mein Strickzeug und versuchte an was Schönes zu denken. An meine Kinder, jaaaa.

Die Zeit verging und endlich ging es los. Es war inzwischen etwa 9:30 Uhr geworden. Dann ging es los mit Kortison, Mittel gegen Übelkeit & Co. (genauer Plan und Durchlaufzeiten findet ihr wie immer hier, wen es interessiert).

Zwischendrin gab man mir noch einen Zettel mit allen künftigen Chemoterminen, ein sehr hilfreiches Ding, denn Jörn sollte für die Chemotage wirklich Urlaub nehmen, das habe ich inzwischen begriffen. An Tag 1 ist man einfach p-l-a-t-t! Und sich dann um Mick und Romy zu kümmern, ist (hoffentlich dennoch selten) unmöglich. Ich sah mir den Zettel kurz an und mir fiel das klare Denken echt schon schwer, aber ich bemerkte einen Fehler mit den Daten und gab den Zettel nochmals zurück, mit Fehlern bringt mir das ja nix. Eine Weile später erhielt ich eine korrigierte Version und packte ihn weg, Denken war irgendwann echt kaum mehr drin.
Ich habe in meinem Leben noch nie einen richtigen Vollrausch gehabt, einfach, weil ich mir noch nie was aus Alkohol gemacht habe, es schmeckt einfach richtig widerlich. Ja gut, es gab den 20. Geburtstag meiner Schwester im Pupasch vor *nuschel* Jahren, da war Sangria-Eimer-Saufen angesagt, und das war auch schon der „schlimmste“ Rausch meines Lebens. Andere belächeln diesen Konsum sicherlich, denn mehr als Bein aus dem Bett halten, um das Karussell anzuhalten und nächsten Tag ein wenig Kopfschmerzen war da auch nicht. Es soll ja schlimmere Nebenwirkungen eines nächtlichen Trinkgelages geben, nicht wahr? Schon wieder habe ich ausgeholt, sorry! Aber ich denke so ähnlich, wie man sich bei oder nach der Chemo fühlt, muss ein Vollrausch sein. An die ersten beiden Tage von Chemo 1 habe ich zumindest nur noch grobe Erinnerungen, was mir sooo leid tut, weil ich dadurch auch kaum Erinnerungen an Romys vierten Geburtstag habe. Unwiederholbar, das tut weh. Aber ihre nächsten Geburtstage werde ich hoffentlich da sein und dann wird der nächste eben ordentlich und bei vollem Bewusstsein gefeiert, und das doppelt so doll!

Die Zeit verging, in meinem Therapieraum redete immer noch niemand und so saßen wir schweigend da und ich strickte. Na ja, die anderen beiden schliefen und schnarchten. Ich bewundere das wirklich, ich kann das nicht. Na ja, sage ich jetzt noch, wer weiß, was die nächsten sechs Termine noch mit sich bringen.

Um 11:45 Uhr war ich dann endlich durch. Man rief mir meinen Taxifahrer, gab mir meine neue Ladung an Medikamenten mit, die kleine Kühltasche mit der Neulasta-Spritze für Tag 2 und dann ging ich runter, wo Marius, mein Fahrer, schon auf mich wartete. Er brachte mich sicher heim und ich muss gerade angestrengt nachdenken, was dann noch so den Tag über passierte. Ich war noch einkaufen mit meiner Mutter, da Super-Ultra-Sommergrippen-Jörn schließlich mehr leidet als eine Frau mit frischer Chemotherapie und Krebs. Klar, theoretisch hätte ich meine Mutter allein einkaufen schicken können, aber mit einem „Jörn möchte Suppe“ kann sie nix anfangen. Ich auch nicht, aber so griff ich einfach ins dumme Tütensuppenregal und dachte nur „entweder issta die, oder er muss halt hungern“. Anschließend schlichen wir wieder heim. Man gut, dass Netto nur zwei Häuser nebenan ist. Ich meide diesen Laden sonst wie die Pest, aber gestern war er meine Rettung.

Ich scannte die Sachen daheim für die GfK, räumte alles weg und kochte mir Tee. Ich versorgte den hungrigen Mick und merkte, wie es mir immer schlechter ging. Übelkeit kam auf, wurde stärker und stärker. Kim, meine heilige Kim, die Romy ja immer vom Kindergarten abholt, hatte mich extra entlastet und Romy nach Kiga-Feierabend noch auf den Spielplatz entführt, damit ich mich ausruhen konnte und dass Romy so bettschwer würde, dass ich mich kaum mehr um sie kümmern müsste. Der Plan ging übrigens auch echt gut auf, aber leider schlief sie wieder recht unruhig und mit viel Wimmern.

Ich legte mich schließlich hin, aß nix, zwang mich zum trinken und die Übelkeit wurde schlimmer, Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Benommenheit, starkes Frieren. Ich war einfach völlig durch. Ich fragte Kim per WhatsApp, wann sie nach Hause kämen, denn Aufstehen war mir zu der Zeit fast schon unmöglich. Schließlich rief ich Jörn an, der zwei Zimmer weiter lag und schlief, schlief, schlief. Ja, wie gesagt, Sommer-Grippe schlägt Chemo (man merkt nur latent, dass ich ihm das übel nahm, oder? Klar weiß ich, dass es einem mit ner Grippe und unter Fieber auch richtig scheiße geht, aber ich musste mich schließlich auch zusammenreißen). Ist halt mal ein saudummes Timing, dass er unbedingt jetzt krank ist. Aber aussuchen kann man sich das ja leider auch nicht. Aber bitte, liebe Körper, reißt euch zusammen und lasst uns bitte die kommende Zeit ohne weitere Infekte überstehen. Magen-Darm, Kinderkrankheiten und einfache Infektionen können mich sofort ins Krankenhaus befördern und wenn es Jörn dann auch noch erwischte, sind wir derbe am Popo, denn dann ist die Versorgung der Kinder ein großes Problem. Aber painten wir the devil mal nicht frühzeitig on the wall, right?

Ich rief also Jörn an, der verpennt ans Handy ging, und bat ihn aufzustehen, da es mir nicht mehr möglich sei. Ich glaube das Sprechen fiel mir auch schon sehr schwer, genau erinnere ich mich leider nicht mal mehr. Er riss sich also zusammen, stand auf, zog sich an, um Kim und Romy die Tür öffnen zu können. Letztlich weiß ich nur noch, dass ich ihr Hallo sagte, dauernd wegnickte, fror, gegen meine Übelkeit kämpfte und überlegte, ab wann man so ein MCP-Zäpfchen gegen Übelkeit einnehmen sollte, entschied mich dann aber doch dagegen.
Ich schlief eine Weile, glaube ich, jedenfalls wurde ich irgendwann wach und es ging mir schon wesentlich besser. Immer noch wackelig auf den Beinen, leicht gammelgurkig, aber alles erträglich. Man gut, denn ich musste Mick ja die Nacht über versorgen (ich wiederhole, Grippe schlägt Krebs). Aber glücklicherweise ging das alles, Mick kam auch nicht allzu oft mit seinem Hüngerchen und so überstand ich die Nacht nach Chemo Tag 1.

Heute Morgen, halb sieben, als Romy aufwachte und zu mir ins Wohnzimmer kam, wo ich an „bösen Tagen“ mit Mick schlafe, ging es mir, bis auf eine unterschwellige Übelkeit, die ich eher dem Hunger zuschob, ganz gut. Hatte ich mir am 03.10. noch einen großen Topf Kürbissuppe vorgekocht, um am Chemo Tag was zu essen zu haben (und feste Nahrung kriege ich an dem Tag echt nicht runter) – nein, ich konnte gestern gar nix essen. Heute wiederum hatte ich so einen großen Appetit auf grobe Bratwurst, Pommes und Gurkensalat, dass ich mich schnell in den Aldi schwang. Und das war sooo lecker, nom! Aber vorher musste morgens erst meine Schilddrüsentablette nehmen, eine halbe Stunde später Emend (gegen Übelkeit), anschließend Fortecortin (entzündungshemmend oder irgendwie so) und dann schloss ich mich schnell im Badezimmer ein, um mir die Neulasta-Spritze ins subcutane Bauchgewebe zu jagen. Muss Romy ja nicht unbedingt mit ansehen. Habe ich bei Chemo 1 noch gefühlte 20 Anläufe gebraucht: „So, jetzt stichst du die Nadel… halt nein, ich kann noch nicht… jetzt aber – neeeein, oh Gott nee!“, so riss ich mich heute zusammen, dankte mir selbst für so viel Bauchspeck und jagte mir die Nadel in eines meiner bezaubernden Speckrollen. Hat doch sein Gutes, so ne ausgeleierte Bauchdecke so 12 Wochen nach Entbindung Nummer 2.

Zwischendurch noch die Kinder versorgen, anziehen, Frühstück machen, etwas mit Romy spielen (konnte sie heute nicht in den Kindergarten, da weder Jörn noch ich sie fahren konnten), und selbst dann mal duschen, anziehen, Küche machen. Dann Einkauf inklusive Flachwitz-Oppa, Einkäufe scannen, Müll raus, kochen (das dann mit Jörns Hilfe), Omeprazol (Magenschutztablette, damit ich nicht wieder diese fiesen Schmerzen in der Speiseröhre bekomme wie bei Chemo 1) und dann endlich essen. Da fiel mir auf, dass ich gar kein Frühstück gehabt hatte. So schmeckte das Mittagessen gleich doppelt so gut.

Aber dann merkte ich auch, dass ich wieder viel zu viel getan hatte. Zumal ich die Nacht, nein, jede Nacht, ja ohnehin nicht mehr als drei Stunden Schlaf am Stück bekomme, mein Sohn hat halt Hunger. Und durch die Medikamente kann ich eh schlecht schlafen, wachte dauernd auf und sah fern oder surfte mit dem Handy, suchte nach einem weiteren Fallschutzgitter für unser Bett und nach schönen Herbst-/Winterschuhen, von denen heute noch zwei, drei vier Paar in der engeren Auswahl stehen.
Ich muss nur irgendwoher nen Hunni nehmen (haha, Brüller!) und mich für ein Paar entscheiden. Zur Wahl stehen:

Stiefel in knallpink von Hush Puppies (bequem!),  Stiefel von DOGO mit einem Koala drauf (jaahaa lacht nur, aber er gäbe mir Trost, denn immerhin steht „Take me wherever you go“ drauf, aaaawww!) oder langweilige schwarze Stiefel jeweils von Tamaris, sind allerdings auch bequem und gefallen mir auch irgendwie.
Jörn verdrehte bei Paar 1 und 2 nur die Augen, er ist ja der „Mausi, dir steht grau und schwarz am besten“-Typ, was mir selbst viele Jahre lang auch genehm war. Also ein klein wenig Farbe durfte es schon mal sein.
Ganz früher, als ich noch ein junger Hüpper war *tatter, mit dem Krückstock schwing* konnte es nicht bunt genug sein, gerne orange Haare, viele Piercings und bunte Klamotten aller Art. Aber ich war im Laufe der Jahre irgendwie etwas, äh, langweilig? durchschnittlich? bieder? Mami? irgendwas geworden. Aber seit dem Krebs habe ich das merkwürdige Verlangen, manche Sachen wieder aufleben zu lassen. Ich höre immer öfter Musik von früher (ja, ich war nicht immer Depeche Mode-Fan) und bekomme aktuell wieder total Lust auf Bunt, Bunt, Bunt. Auch hätte ich gerne jetzt mein erstes Tattoo, aber da macht mir die Gesundheit ein Strich durch die Rechnung, zwei bis drei Jahre nach Chemo sollte man warten, weil das Immunsystem einfach so lange im Eimer ist und ein Tattoo ist im Grunde nix anderes als ne große Wunde. Auch sind die Farben ja bis heute nicht wirklich so erforscht, als dass man sicher weiß, ob sowas nicht ein Rezidivrisiko birgt (gut, so habe ich es im Internet gelesen, aber man wird, wie gesagt, zum Hypochonder und vermutet inzwischen hinter allem und jedem ein Risiko). Vorhin fiel mir beim Rossmann-Warenkorb-füllen zum Beispiel auf, dass mein zuletzt gekauftes Deodorant noch Aluminium enthält. Ja bin ich denn völlig bescheuert, mir das noch zu kaufen? Ich hatte echt nicht drauf geachtet, ich gebe es zu. Warum ich es gekauft hatte? Ironie schlechthin, meine Bettnachbarin im Krankenhaus nach der Tumor-Port-OP hatte dieses Deo und ich fand den Duft so toll. Tja, scheiß auf den Duft, das Ding kommt mir nicht mehr ins Haus. Klar, ich weiß nicht, ob ich meinen Krebs durch diesen Inhaltsstoff habe oder weil ich gerne Süßes esse, auf dem Rücken schlafe oder vier Ringe trage. Es gibt bisher kein „weil“. Aber wenn man gewisse Inhaltsstoffe, die im krebserregenden Verdacht stehen, meidet, kann das ja nicht verkehrt sein. Wobei ich gar nicht wissen möchte, was genau jetzt in meinem Umfeld gerade krebserregend ist, wir wären wohl alle geschockt…

Also, zurück zum Thema: Warum denn keine pinken Stiefel? Ich falle mit meiner Mütze, meinem teilweise-Mundschutz eh schon so auf, was kümmern mich also die Blicke der intoleranten Leute? Ich will nur noch das tun, was mir gut tut. Natürlich in einem gewissen Maß, schon klar. Und auch klar – sieht mich mein Mann lieber in schicken Stiefeln mit Absatz, in Kleidern oder schicken Sachen, aber ich möchte bequeme Schuhe, die mir, und nur mir optisch gefallen. Ich ignorierte also meinen augenrollenden Ehemann, als ich ihm meine engere Auswahl an Schuhwerk präsentierte, und fragte meine Tochter. Und was macht die? „Mami, ich möchte auch so pinke Schuhe. Du kannst die kaufen“ und zeigt auf Favorit Nummer 3. Jörn jubelte und tätschelte seiner Tochter den Kopf. Pah! Verräterin!
Ich liebäugele immer noch mit den pinken, aber die Preise für meine Auswahl sind echt zum Haare raufen (haha, gut dass ich kaum mehr welche habe!). Ich hätte am liebsten alle Paare. Oh ja, und das aus meinem Mund, der Frau, die mit Schuhgröße 41 (über zwei Jahre nach Romys Geburt sogar Größe 42) vielleicht vier oder fünf Paar Schuhe hat. Na ja, ein paar mehr sind es schon, aber von Frauen ist man ja eigentlich schlimmeres gewohnt, nech? Mal sehen, letztlich werde ich mir wohl gar kein Paar kaufen und mit den vorhandenen Latschen rumrennen, zumal ich ja eh kaum raus komme 😦

So, liebe zwei bis drei Leser, die ihr bis zum Schluss meine öden Andekdötchen von heute gelesen habt (Glückwunsch zu eurer Ausdauer und vermutlich großen Langeweile und Zeitüberschuss!), ich danke euch für eure Aufmerksamkeit und eure Gedanken an mich. Ich melde mich schon bald wieder, hoffentlich mit ganz viel schnöden Berichten übers wickeln, stricken, schlafen und Schuhesuchen, anstatt über grauenvolle Nebenwirkungen zu jammern. Jetzt kuschele ich mich auf die Couch, gucke noch etwa 2,1 Minuten Greys Anatomy und schlummere dann weg, bis Micks Weinen mich aus dem Schlaf reißt. Gestrickt habe ich heute keine einzige Masche (oh mein Gott, ruft den Notarzt!), ich habe schlichtweg keine Zeit gehabt und bin jetzt einfach zu müde. Da sag mal einer, dass man mit Krebs viel Zeit hat, denkste!

Bis bald – Eure Chemonica und heute leicht-ziependem Porti

P.S.: Ihr müsst meine ewig langen, ausführlichen Kaugummiberichte echt verzeihen. Ich habe ein paar Jahre in einem Schreibbüro gearbeitet, habe ein dementsprechendes Tempo drauf und muss und möchte mir einfach jeglichen Blödsinn von der Seele schreiben.

Autor:

Monica L., alias Chemonica, geboren und wohnend seit 30.11.1982 in Braunschweig. Glücklich verliebt seit 2001 und verheiratet seit 2010 mit Jörn (lordlaui), zudem fast vor Stolz platzende Mami von Romy (*19.09.2012) und Mick (*12.07.2016).

3 Kommentare zu „Chemo 2

  1. Liebe Moni. Ich hoffe dein Grippemann ist wieder auf den Weg der Besserung 😉 kann man ja wirklich nicht gebrauchen. Ich kenne es nur all zu gut, wie Mann dahinvegetiert.
    Die Schuhe sind allesamt nach meinem Geschmack. Ich persönlich würde mir die Grünen mit Koala aussuchen 😀 warum? Weil ich grün toll finde. Koalas knuffelig sind und überhaupt Grün für Hoffnung und Zuversicht steht.

    Ich liebe deine ewig langen Texte. Du lässt einen damit bunt und lebhaft an deinem Leben teilhaben.

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Franzi!

      Ja danke, es geht ihm schon besser. Seine Sommergrippe hat sich leider im Nachhinein jetzt als Mund-Hand-Fuß entpuppt, ich hoffe der Rest von uns bleibt davon verschont 😦

      Mein Schuh-Traum ist vorerst begraben, nachdem ich feststellen musste, dass die Schuhe meiner Tochter echt knapp geworden sind. Sie trägt also seit heute neue und ich träume von pinken Tretern und Koalabärchen, denn wir wissen ja alle was Kinderschuhe kosten, aua.

      Liken

      1. Oh HMF kann Olli auch ein Lied von singen. Der hatte sich damals bei Fiona angesteckt. Nun das war die beste Diät damals für ihn *haha
        Er hat in einer Woche locker 5 kg verloren! Erwachsene leiden wirklich richtig derbe unter den Symptomen. Ich drücke die Daumen, dass du verschont bleibst! Das kannst du jetzt überhaupt nicht gebrauchen. Vielleicht holst du euch so eine Händedesinfektion aus der Apo. Dieser Mist ist so höllisch ansteckend. Ich blieb damals verschont. Wahrscheinlich bin ich resistent *kA

        Oh ja die lieben Kinderfüße wollen gut umhüllt sein. Ich kaufe auch nie billig,da ich noch die Hoffnung habe, dass meine Kinder mal nicht so vergurkte Füße haben werden, wie ich sie habe. Allerdings habe ich mir angewöhnt, hier in der Hauptstadt, in Outlet-Läden die teuren Marken zu kaufen. Da finde ich zum Glück immer die super teuren Marken zum halben Preis.
        Apropos Kinderschuhe. Mir war nie so bewusst,wie schwer es ist gute Gummistiefel zu finden. Wahrscheinlich, weil ich als Kind auch immer solche blöden Dinger anziehen musste und ich sie Zeit meines Lebens schon hasse.

        Ich wünsche dir ein ruhiges Wochenende! I 💜Bibi und Tina 😁 *Kindheitserinnerungen

        Gefällt 1 Person

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