Du kleiner, mieser, hinterhältiger Krebs…

Guten Morgen, liebe Leser!

Einige von euch wissen schon über Facebook Bescheid, dem Rest gebe ich hier jetzt Meldung, ich habe ohnehin gerade akute Langeweile – wobei, eigentlich gar nicht. Die Zeit vergeht hier – im Krankenhaus – wie im Flug!

So, nehmt euch ne Stunde zum lesen, haha, Frau L. hat mal wieder ne Tastatur zum greifen bekommen…
Beginnen wir aber von vorne: Am 11.10. bekam ich um die Mittagszeit herum erhöhte Temperatur. Grummel. Nicht schon wieder! Na ja, cool bleiben. Da ich an diesem Tag eh zur Blutbildkontrolle musste, wartete ich also geduldig meinen Termin um 15:10 Uhr ab, mein Taxi-Marius holte mich ab und lieferte mich, wie immer pünktlich, ab. Ich hatte mich schon mit Mundschutz ausgestattet, ich befürchtete, dass meine Leukozyten wieder in den Keller gegangen waren. Lieber nix riskieren!

Blutbild: Leukozyten 0,9. Urgh. Noch niedriger als bei Runde 1, da hatte ich zumindest noch 1,1. Na ja, ich solle noch zum Doktor rein, wir  würden alles Weitere bereden. Ich kam auch nach kurzer Zeit zu ihm ins Zimmer und er meinte, wir warten mal ab, sofern das Fieber nicht übermäßig steigt, sei alles nicht so schlimm und man müsse mal sehen, 37,8° wäre jetzt allerdings schon nicht sooo gut. Okay, aber ab nach Hause auf die Couch und ihn ggf. anrufen, zur Not auf dem Handy. Zu Befehl, SIR! Und trat ab, also den Weg gen Heimat.

Da legte ich mich brav auf die Couch und ab da wurden die Stunden lang, wirklich lang. Ich merkte anhand meines Schüttelfrostes und Allgemeinzustandes, dass in mir etwas „brodelte“. Mensch Körper, mach keine Sachen, ja, du hast gerade echt wenig Leukozyten, aber komm, hey, Kumpel, dat schaffste! Romy spielte, Jörn ermahnte sie zur Ruhe, ich sagte, er solle das Kind spielen lassen, dachte aber „Ruuuhe bitte“, aber ich will sie echt nicht bremsen in ihrem Spieldrang, nur weil mein Körper unbedingt der Meinung ist, jetzt mal eben nen blöden Krebsknubbel bilden zu müssen. Nix da! Weiterschreien, -toben, -lachen! Hätte gern mitgemacht, nun ja…

Aber der Abend ging für Romy auch irgendwann zu Ende, aber sollte für Jörn und mich erst beginnen. Der beste Ehemann der Welt machte bei mir Wadenwickel, Handgelenkwickel und rief schließlich gegen, ich denke 21 Uhr, Dr. L. an, da mein Fieber langsam, aber stetig stieg. Zwischenzeitlich bei 38,6°, dann wieder 38,2°, später 38,4°. Ein leichtes Auf und Ab, aber kein direktes Ab mehr. Dr. L. erklärte meinem Mann, ja, Wadenwickel dürfen wir, aber vorerst lieber nichts Fiebersenkendes, da das gewisse Blutwerte verfälschen könnte, die für eine weitere Behandlung aber notwendig seien. Er hätte eh vergessen mir zu sagen, dass ich am Folgetag, also den 12.10., in die Praxis zur Blutbildkontrolle soll. Oh je, wie soll ich DAS denn schaffen, Freunde? Aktuell kann ich kaum aufstehen, weil es mir so mies geht! Na ja, erst mal die Nacht schaffen. Sollte das Fieber weiter steigen, sollten wir ihn erneut anrufen und es müsse wohl doch eine Einweisung ins Krankenhaus erfolgen. Mist!
Jörn wechselte also weiter fleißig die Wickel, versorgte mich mit kühlen Lappen auf der Stirn und kochte mir kannenweise Tee, den ich mir reinzwängte. Am späten Abend fiel mir ein, dass ich nicht in der Lage bin, eine Kliniktasche selbst zu packen (Memo an mich: ab heute IMMER ne Nottasche parat stehen haben!) und bat ihn, mir was zusammenzupacken, Schlafzeug, Unterwäsche, Socken und so.
Ja, ich bin naiv, ich wusste nicht, dass man bei einem Mann zu dieser Bitte extra dazu sagen muss, dass man bitte auch Handtücher benötigt. Ich musste abends die Schwester fragen, ob sie bitte mal eins für mich hätte… Später, als mich die Sanitäter kutschierten, machte ich noch Scherze und meinte, dass ich keine Ahnung habe, was sich in dieser Tasche befinde, womöglich ein Sommerkleid und Pumps, worüber sich die drei Herren weglachen wollten. Na ja, ganz so falsch lag ich nicht mal, fielen mir unter anderem Spaghettitops und Shorts entgegen sowie acht Slips und zwei Paar Socken… Ich weiß Jörn, verzeih mir, du hast es gut gemeint und es war stockdunkel im Schlafzimmer, aber es war urkomisch 😉

Kurz nach ein Uhr morgens schickte ich Jörn ins Bett, schließlich musste er sich die Nacht und wahrscheinlich den kommenden Tag schon um Mick und Romy kümmern. Er war gerade noch am Fläschchen geben, da hörte ich, wie sich die Schlafzimmertür öffnete – Romy kam heraus. Nein, das darf nicht sein! Es war 01:13 Uhr!

Sie kam zu mir getapert. „Mami!“ – „Romy, was ist denn los, geht es dir gut?“ – „Ja, die Uhr hat mir gesagt, ich soll aufstehen“ (sie hat wohl eine Kuckucksuhr gemalt/gebastelt? Ich habe sie leider noch nicht sehen können, sie hängt wohl im Schlafzimmer). Sie wollte sich zu mir auf die Couch legen, aber es ging mir zu mies und ihr Husten klingt echt gemein, also musste ich sie leider auf die andere Couch bitten, es brach mir das Herz. Sie hat momentan wieder mal diesen klassischen Kindergarten-Husten. Der, den man daheim mit Hustensaft (wochenlang) bekämpft, während sich alle im Kindergarten lustig und munter um die Wette anhusten und so von einen Infekt in den nächsten rutschen.
Jörn bat sie noch mit ins Bett zu kommen, aber sie wurde weinerlich und wollte bei mir im Wohnzimmer bleiben (bilde ich mir vielleicht ein, aber ich denke sie wird die Unruhe mitbekommen haben, die in der Wohnung den Abend über herrschte, und dass es mir nicht gut geht, hat sie ja den Abend über auch mitbekommen). Also legte sie sich auf die Couch und wollte anfangen, mir allerhand zu erzählen. Auch hier musste ich sie wieder bremsen, aber ich war wahnsinnig müde, brauchte dringend etwas Schlaf, gerne etwas weniger Fieber und Ruhe.

Jörn stellte mir meinen Handywecker auf jede volle Stunde, damit ich regelmäßig Fieber messe, und ich sollte ihn wecken/anrufen, wenn es über 38,6° geht oder wenn was ist. So, okay, ruhig bleiben, Augen zu, schlafen. Romy hustete, ich schreckte hoch. Hm, okay, einschlafen bitte. Gedankenrasen, was wenn ich wirklich ins Krankenhaus muss? Was machen die da mit einem? Mit wem liege ich da? Tut die Behandlung weh? Wie lange muss ich da bleiben? Oh nein, dann muss Jörn wieder daheim bleiben, kann nicht zur Arbeit, ich muss meine Kinder wieder zurücklassen, kann mich nicht kümmern, nicht meinen Job erledigen, nämlich Hausfrau und Mami sein. Verflucht! – Husten von Romy – ich schreckte hoch.
So ging das bis kurz nach vier Uhr, da schlief Romy nämlich erst ein und ich war den Tränen so nah, war fix und fertig. Ich merkte, dass das alles keinen Zweck hatte, den Kampf gegen das Fieber würde ich alleine nicht schaffen. Ich nickte immer mal wieder ein, wurde aber durch jeden kleinen und großen Hüsterle meiner Romymaus wach und war um halb sieben, als Romy topfit von der Couch sprang, völlig im Eimer. Ich schrieb Jörn über Facebook (nicht, dass ihr denkt, wir reden nicht mehr miteinander, aber vieles machen wir schriftlich, wenn Romy in der Nähe ist, sie muss ja nicht alles mitbekommen), dass das alles keinen Sinn mache und dass er in der Praxis anrufen soll, ob ich Paracetamol nehmen darf oder so, das Fieber koste so viel Kraft.

Und dann wollte die Zeit leider nicht vergehen, die Praxis öffnet ja erst um 8:00 Uhr. Auf dem Handy vom Doc wollte ich nicht anrufen, das wäre ja albern. Ich lag also untätig auf der Couch, es ging mir minütlich schlechter, aber ich machte mir Hoffnung, dass er Paracetamol erlauben würde oder eine andere Idee hätte, was man tun kann, außer eben ins Krankenhaus zu müssen. Zwischendurch klaubte ich mich auf, wusch mich, zog mich um, putzte meine Beißerchen und versuchte zu Kräften zu kommen. Gelang aber irgendwie nicht.

Endlich, endlich wurde es 08:00 Uhr und Jörn rief in der Praxis an. Am besten sofort vorbeikommen, Blutbildkontrolle, dann sähe man weiter. Wie bitte? Wie soll ich es denn zur Praxis schaffen? Zum Auto? Aus der Wohnung? Boah ihr seid echt gemein! Also quälte ich mich wirklich wieder hoch, hatte nicht die Kraft, mir ne anständige Jeans oder auch nur Schuhe anzuziehen, es war mir so egal. Ich schrieb dem Kindergarten, dass Romy etwas später komme und ich schaffte es tatsächlich ins Auto und zur Praxis. Beide Kinder mit an Bord, schmiss Jörn mich erst in der Praxis raus und fuhr dann Romy in den Kindergarten und wollte mich anschließend wieder abholen.

Ich schlich zum Fahrstuhl, fuhr nach oben und kurze Zeit später saß ich schon im Labor. Leukozyten: 1,7. Hey cool, gestiegen, yes! Fieber aber leider auch, 38,6°. Merkte ich auch, ich fühle mich elend, elend, elend. Ich konnte direkt zum Arzt ins Sprechzimmer und er sah sich die Werte an. Schön, Leukos am steigen, Eisen sei auch in Ordnung. Hmm, aber das Fieber, das Fieber… Er wolle mich ungern von Zuhause abziehen, er weiß, wie sehr ich in den eigenen vier Wänden bleiben möchte, allein der Kinder zuliebe. Aber die beste Vernunftsentscheidung sei es, ein paar Tage ins Krankenhaus zu gehen. Ich stimmte ihm schweren, schweren Herzens zu. Er wiederholte auch nochmals, dass die kommende Chemo wieder in niedriger Dosis erfolge und für die nächste Runde versuchen wir es zudem mit einem anderen Antibiotikum, da es sein kann, dass das Ciprofloxacin einfach bei mir nicht gut genug anschlägt. Er mache nun die Unterlagen für das Krankenhaus fertig, ich solle noch einen Moment Platz nehmen.

Das kleine Wartezimmer sowie ein Platz im Gang waren belegt, also blieb ich kurz stehen, merkte aber, dass das meinem Kreislauf nicht so gut tat, und nahm dann doch neben der mich ängstlich anguckenden Frau Platz, die wohl – wie ich es früher auch getan habe – dachte, ich trage einen Mundschutz, weil ich so krank bin und andere nicht anstecken darf. Ich habe früher echt so blöd gedacht, Selbstschutz wäre mir nie in den Sinn gekommen. Na ja, habe ja meine Lektion jetzt gelernt, nicht wahr? Jörn schrieb mir, dass er nun unten im Auto warte, er stünde im Halteverbot. Ich antwortete ihm, dass ich noch einen Moment warten muss, man mache alle Unterlagen fürs Krankenhaus fertig, es täte mir sehr leid, aber es sei die vernünftigste Entscheidung.

Ich saß also da und wartete. Puh, warm hier, Jacke öffnen. Nach kurzer Zeit merkte ich, dass mir immer heißer wurde, es fing an vor meinen Augen zu flimmern. Nein, bitte nicht, Mist, dir wird schwarz vor Augen, du musst dich hinlegen! Hier auf dem Gang? Nee, geht nicht. Hier ist aber sonst keiner. Argh, Fuuu! Ich stand zügig auf und torkelte zum Empfang, stützte mich nur noch an der Wand ab und keuchte ein „Entschuldigung, kann ich mich irgendwo hinlegen?“ und sofort waren vier helfende und stützende Arme an meinen Seiten und halfen mir ins CTG-Zimmer, wo ich mich hinlegen konnte. Ich weiß nur noch, dass man mit mir redete, aber ich hörte kaum was, durch meinen Blutdruck waren die Ohren komplett zu. Ich spürte kalten Schweiß und viele Leute um mich herum. Ich dachte die ganze Zeit nur „oh mann, das ist echt peinlich“, „scheiß Fieber“, „kleiner mieser Drecks-Krebs, du kriegst mich nicht“ und „der arme Jörn, schon wieder muss ich ihn alleine lassen mit den Mäusen“.
Da lag ich nun. Irgendwann öffnete ich die Augen und Dr. L. sah mich an „sind Sie noch da?“ und ich dachte „watt? Wo soll ich sonst sein? Klar, bin da“, ich sagte auch was, keine Ahnung wie laut, meine Ohren waren immer noch dicht. Man kontrollierte meinen Blutdruck, der irgendwo ganz, ganz weit unten war (nicht verstanden) und dann wurde kurz beratschlagt: Von einer kam „stellen wir einen Stuhl in den Fahrstuhl und dann kann ihr Mann Sie ins Krankenhaus fahren“, die nächste: „Nee, wir rufen einen RTW, das hat doch keinen Zweck!“, die nächste: „Ja, aber Sitztransport“, die nächste: „Nee, liegend ist besser“. Man einigte sich darauf, einen Krankenwagen zu rufen. Auch das noch. Da muss ich 33 Jahre alt werden und Krebs kriegen, stand mitten im Leben und werde jetzt auch noch von fremden Männern aus dem Verein hier getragen. Eigentlich darf mich doch nur ein Mann hoch wuchten (welch Privileg, was Jörn?). Ach, war mir aber jetzt auch egal. Ich wollte endlich, dass es mir besser geht, wollte fieberfrei sein, gesund sein. Na ja, ganz so einfach isses ja leider dann doch nicht.
Ich kam jedenfalls nach und nach zu mir, merkte, wie sich mein Blutdruck stabilisierte, nur meine Arme waren noch komplett taub. Ich bekam einen Becher mit etwas Wasser und Kreislauftropfen und sollte schön liegen bleiben. Als ich dann einigermaßen konnte, rief ich Jörn an, sagte ihm, dass ich eben fast umgekippt wäre und er mir bitte die von ihm nachts gepackte Kliniktasche, die ich glücklicherweise mit ins Auto geworfen hatte, hochbringen soll, ein RTW würde mich ins Krankenhaus bringen.

Kurze Zeit später brachte er mir die Tasche, drückte meine Hand, ich konnte meinem Baby Mick noch kurz das wollig eingepackte Füßchen im Cosi drücken und dann verschwand er wieder, ein Knöllchen oder gar Abschleppen im absoluten Halteverbot brauchten wir nun nicht zusätzlich.

Ich hörte vom Empfang, wie sie einen RTW bestellten, es könne wohl bis zu zwei Stunden dauern, es sei viel zu tun. Zum schmunzeln, berichtete mir Jörn später, dass vor ihm ein RTW stand, dessen Fahrer genüsslich ausstieg und sich ‚anna Ecke‘ erst einmal ein belegtes Brötchen holte. Wahrscheinlich tue ich diesem Mann gerade Unrecht und lache über seine wohl verdiente Pause, aber es passte nur zu schön.

Ich lag eine ganze Weile im Zimmer und ich hoffe, dass keine schwangere Frau wegen mir ihr CTG nicht bekam – falls doch, sei hiermit bitte offiziell um Entschuldigung gebeten. Irgendwann trudelten drei nette Herren (ich nenne sie liebevoll Tick, Trick und Track) ein mit einem Stuhl und ich fühlte mich wie Mitte Achtzig. Und ja, mir ist es unangenehm, wer lässt sich schon gerne als Frau von Männern hochheben, sofern man keine 40 kg wiegt? Ich meinte nur „sorry, hätte ich gewusst, dass ich Sie mal in Anspruch nehmen muss, hätte ich vorher abgenommen“ und lachte. Aber die lachten nicht. „Alles gut, dafür sind wir ja da“. Bääääm, in your face, das saß. Ich bin also fett, was? Jaa, ist ja gut. 78 kg auf 1,76 m sind wahrlich ein paar Kilo zu viel (danke Körper, direkt NACH der Entbindung hatte ich 73 kg, grr!). Aber man sagte mir schon an mehreren Stellen, dass ein paar Kilo zu viel während der Chemo IMMER die bessere Alternative seien. HA! Beste Entschuldigung ever. Sorry Leute, ich hab Krebs, ich darf nicht abnehmen (dazu theatralisch husten und den gestiefelte-Kater-Shrek-Mitleidsblick). Ist mir auch inzwischen echt egal, na ja, zumindest ein ganz klein bisschen egal. Man will für sich gut aussehen und auch seinem Mann gefallen. Haha, da fehlt aktuell etwas Haar und Gesundheit. Aber wurscht (mhh): WENN ich mal Appetit habe, und der schwankt momentan echt von „geh mir weg mit essen“ bis hin zu „boah geil, mehr bitte!“, dann esse ich jetzt auch, basta! Alles andere dann ab, keine Ahnung, Januar, Februar? Wenn ich dann in der Anschlussheilbehandlung bin, starte ich durch mit abnehmen, heulen über Schwabbelbauchspeck und Co. 😉

Die drei Duck-Neffen luden mich Grazie also in ihr Auto und wir fuhren los. Da fragte mich Tick (etwa 1,50 m groß, sehr hübsches Gesicht), wo wir denn hin fahren müssen, also Celler Straße, Braunschweig, aber welche Station. Ich: „Äh, keine Ahnung?“ „Ja, waren Sie noch nicht im Krankenhaus?“ „Doch, zu den Geburten meiner Kinder und zur Tumor-OP“ (wer blöd fragt, bekommt noch blödere Antworten!). „Aha, und wo waren Sie zur Tumor-OP?“ Ich: „Frauenklinik“. Tick ganz entrüstet: „Sie waren mit Ihrem Tumor in der Frauenklinik? Nee. Da fahren wir erst einmal zur Onkologie.“ Ich zuckte nur mit den Schultern und dachte, „ihr macht das schon, meine Kleinen“. Klar, die machen das alltäglich und ich kenne mich mit dem ganzen Stations-Gedöns nicht aus.

Wir fuhren also los und ich merkte nach kurzer Zeit einen extremen Knoblauch-Geruch, der von Track (etwas pummelig, lispelt, hält sich für den Chef der Gang) ausging. Er nahm meinen Blutdruck und Puls. Trick (schlank, Glatze, cooler Typ, laut eigener Aussage noch nicht lange dabei) sagte nix, hinterher erfuhr ich, dass er wohl meine Atmung gezählt hatte (watt es nich alles gibt!). Dazu muss ich mal meinen Mundschutz loben. Denn Track hatte sich wohl am Vortag nen ordentlichen Knobi-Döner gegönnt, dieser Mann stank leider aus allen Poren extrem. Ihr leistet einen super Job, aber das ist echt gemein, uummpppfffff.

Genug gejammert. Wie kamen also im Krankenhaus Celler Straße an und die drei Neffen von Donald trugen mich aus dem Auto und hoch in die Onkologie. Dort sah man mich entgeistert an. „Nee, Sie waren hier ja noch nie. Wo? Ach Frauenklinik waren Sie. Nee, die sind gnadenlos überbelegt. Jungs, ihr müsst in die Aufnahme.“ Hm, ich verstand wieder nur die Hälfte. Man rollte mich also wieder zum Auto. „Das tut uns leid, dann fahren wir jetzt mal weiter in die Salzdahlumer, was?“ Öh, ach so, anderes Krankenhaus? Ach herrje, na ja was muss, das muss.

Ist schon doof, wenn dich zwei Männer angucken und du keinen von beiden direkt angucken magst. Also sitzt du entgegen der Fahrtrichtung und kannst aus keinem der Fenster gucken und weißt überhaupt nicht, wo du bist. Also sah ich mir meine Hände an oder versuchte doch mal zu erspähen, wo wir gerade waren. Irgendwann sah ich Autobahn-Schilder. Aha. Ich muss dazu sagen, ich kenne mich mit Autobahnen ü-ber-haupt nicht aus. Weder mit den Stadtautobahnen noch sonst irgendwie. Ich bin kompletter Stadtverkehr-Autofahrer, habe auch erst 2011 meinen Führerschein gemacht,  vorher fehlte immer das nötige „Kleingeld“ (ich habe viel Geld beim Fahrlehrer gelassen, war eine sehr defensive Schülerin, habe aber letztlich Theorie und Praxis beim ersten Anlauf bestanden, yeah!). Ich glaube mein Fahrlehrer hat sich derweil in die Karibik abgesetzt und lebt jetzt in einer Traumvilla, sponsored by Chemonica.

Wir kamen also im Klinikum Salzdahlumer Straße an und ich las das Schild „Notaufnahme“. Und sofort schossen auch hier meine Klischee-Bilder ab: Aaaaaaah, sehe ich jetzt Blut? Sich übergebende Menschen? Abgetrennte Gliedmaßen? Aufgespießte Leute? Zombies? Schlimmere Szenarien als bei ‚Greys Anatomy‘? Leute, das könnt ihr mit mir nicht machen!

Wir rollten in den Eingang und da lag eine ältere Dame auf einer Trage und ich hörte ihren Sanitäter fragen, wie lange sie diese Rückenschmerzen und Atembeschwerden schon habe. Aaach, schon länger, okay, puh, bleib ruhig Moni, alles gut. Es saßen noch zwei weitere Leute dort, die aber auch nicht nach „Notaufnahme“ aussahen, zumindest schoss ihnen nichts aus irgendwelchen Körperöffnungen und die Extremitäten schienen auch noch alle vollzählig zu sein.

Wir warteten eine Weile und nach der Dame auf der Trage kamen wir dran. Meine Beschwerden, warum ich da sei und überhaupt. Meine Vitalzeichen wurden genannt (Trick sagte „Atmung von 12“ – ha, beobachtet haste mich, du Schlingel!) und dann wurde ich am Empfang abgeladen mit meiner Tasche und wartete dort kurz.

Eine junge Frau kam zu mir und wir liefen zu Zimmer 10, gaaanz am Ende des Flures. Ja, laufen tut gut bei Fieber, gnäh. Dort angekommen durfte ich mich hinlegen und dann ging es los mit Untersuchungen, Blutabnahmen, Urinprobe, Pi, Pa, Po. Kurz darauf kam Herr Sänger, der mich noch weiter untersuchte und mir Blut vom Port abnahm, was die junge Frau nicht durfte. Ich wurde nach Schmerzen befragt, warum ich da sei, Vorgeschichte, warum ich in DIESEM Krankenhaus sei und sooo weiter. Anschließend wurde ich zum Lungen-Röntgen geschickt, ein Pfleger holte mich ab und fuhr mich mit dem Rollstuhl dorthin. Anschließend sollte ich wieder abgeholt werden, aber es kam niemand. Ich denke, ich saß da sicher ne gute Dreiviertelstunde. Ich hatte mein Handy in der Hand, ohne jeglichen Empfang. Leute, die mich kennen, wissen, dass ich in etwa 12 Minuten ohne WLAN überleben kann. Es fing an, mir richtig dreckig zu gehen. Meine letzte Mahlzeit war inzwischen über 24 Stunden her (bei Fieber hat man ja leider nur wenig Appetit), ich hatte Durst, wollte eigentlich echt nur ins Bett und was gegen Fieber. Endlich kam mal eine Schwester vorbei und fragte mich, ob ich schon fertig sei und organisierte dann endlich den Rücktransport.

Wieder auf Zimmer 10 angekommen durfte ich mich hinlegen, bekam eine Decke, ein leckeres Schnitzel mit Pilzsoße, Wasser und Herr Sänger kam nochmals zu mir, er habe den Rücktransport zur Celler Straße veranlasst und mir ein Einzelzimmer organisiert, damit ich mich in aller Ruhe auskurieren und ohne Mundschutz schlafen kann. Tausend Dank, das war wirklich super!

Nachdem ich was gegessen, getrunken und ein wenig gedöst hatte, kamen zwei nette Herren, um mich wieder zurück zu fahren. Die beiden waren sehr nett und mir fällt gerade kein Duo ein, mit dem ich die beiden vergleichen könnte, die Fahrt war aber sehr lustig und ich saß diesmal in Fahrtrichtung und konnte dank anderem Automodell und Krankentransport auch rausgucken. Wir machten noch Witze, dass sie uns vermutlich gleich erneut rauswerfen. Ich meinte, dass ich mir dann vor Ärger die Haare raufe – ach, da sei ja kaum mehr was. Und endlich lachte mal einer über einen meiner Fips-Asmussen-Humorniveau-Witze.

In der Celler Straße angekommen ging es auf die Station MHO 1, wo ich wirklich mein Einzelzimmer bekam. Dies ist eigentlich für Stammzellenpatienten, daher ist es voll klimatisiert, Fenster lassen sich nicht öffnen und es gibt eine Schleusentür, aber in meinem Fall kommen eigentlich alle über die normale Tür. Nur wenn ich das Zimmer verlasse, um mir was zu trinken zu holen, muss ich einen Mundschutz tragen.

Nun liege ich hier also seit dem 12.10.2016 und werde umsorgt, gehegt, gepflegt, mir wurde so viel Blut abgenommen, ein Wunder, dass ich noch was davon habe. Es wurden Blutkulturen angelegt, etliche Male Fieber gemessen, gestern Abend hatte ich leider wieder welches, aber dank zweier Paracetamol ist das dann auch relativ schnell Geschichte. Meine Leukozyten waren runter auf 200, normal sind wohl zwischen 10.000 und 40.000. Warum es in der Praxis Dr. L. noch freudestrahlend hieß, meine Leukozyten seien schon so viel besser, verstehe ich nicht und muss ich nochmals erfragen. Klar, wenn man mir sagt, 0,9 bzw. 1,7 und 2,9 sei – bei diesem Blutbildautomaten – das beste, dann ist 1,7 schon gut. Aber wenn ich den 200/40.000-Vergleich höre, ist das scheinbar doch nicht so gut.
Ich bekomme über 72 Stunden Antibiose (ich weiß, Dinge, die ihr nicht wissen wollt, aber nach einer gewissen Anzahl wird sowas echt zum Teilchenbeschleuniger, wenn ihr wisst, was ich meine. Ich hatte schon Sorge, ich könne hier wieder nicht aufs Klo…),
zwei große Flaschen Sterofundin (intravenöse Flussigkeits- und Elektrolytzufuhr, ich als Wenigtrinker bin sehr dankbar darüber),
morgens mein Schilddrüsentablettchen und einen Magenschutz. Zusätzlich soll ich meinen Mund 6x tgl. mit Ampho-Moronal spülen, um einem Mundpilz (Soor) vorzubeugen. Das Zeug erinnert mich vom Geschmack total an den ben-u-ron-Saft als Kind, das Zeug wollte man damals am liebsten immer trinken. Zudem wurde ich auf keimreduzierte Kost gesetzt (ich kann bei Bedarf später gerne erklären/auflisten, was genau das bedeutet und welche Lebensmittel ich meiden sollte, am besten wohl unter der gesamten Chemodauer).

Dr. Hillert sprach bereits mit „meinem“ Dr. L. (ich frage mich gerade selber, warum ich diese fantastische Praxis eigentlich nicht namentlich erwähne, hm), dass wir bei mir noch die BRCA1- und 2-Gentests durchführen sollten, hierzu müsse ich noch zu einem Aufklärungsgespräch. Ich möchte diesen Test unbedingt, allein meiner Kinder wegen. Sie würden dann wohl ab einem gewissen Alter in den „Genuss“ frührerer Vorsorgeuntersuchungen kommen, denn das Risiko, dass meine Tochter auch einmal an Brustkrebs erkranken wird, wäre bei diesem Gen-, na, nicht Fehler, Genveränderung, wesentlich erhöht. Dass ich diese Krankheit niemandem, wirklich niemandem wünsche, brauche ich wohl nicht zu erwähnen. Wenn eine Wahrscheinlichkeit von hohem prozentualen Anteil herauskäme, dass ich erneut Brustkrebs bekommen könnte, ja, eine Mastektomie käme für mich infrage. Meine Kinderplanung ist vermutlich abgeschlossen, ich habe zwei großartige Kinder und einen tollen Mann, der mich hoffentlich nicht wegen fehlender oder unechter Brüste verlassen würde (eher, weil ich immer jammere, wie wenig Wolle/Stricknadeln/Geld ich habe). Und ich denke nicht, dass ich mich wegen fehlendem Brustdrüsengewebe noch schlechter fühlen würde als aktuell. Ich kenne mich mit dem Thema nicht aus, ob man Anspruch auf Implantate hätte oder ob dies Selbstzahlung wäre, klar, Implantate wären schon toll. Aber wenn ich das Risiko, erneut Brustkrebs zu bekommen, irgendwie einschränken kann, so bin ich gewillt diesen Preis zu zahlen.

So, liebe Leute, das war es – haha – schon von mir. Wie bringe ich meine Zeit hier rum? Mein Lieblingsmensch² (Platz 1 teilen sich Romy und Mick, sorry) brachte mir noch eine von mir korrigierte Version Kliniktasche, die endlich auch Handtücher sowie Laptop enthielt und ich durfte Mann und Baby kurz zuwinken, weil sie in die Schleuse durften (hach war das schwer!) und jetzt sitze ich hier echt seit dem frühen(!) Vormittag und bin am schreiben, überlegen, Dinge Revue passieren lassen, nachdenken. INzwischen tut mir alles weh, aber dann fallen mir andere Sachen ein (Rossmannbestellung, zwischendrin diverse Chats in WhatsApp und Facebook), es kommen Pfleger, Ärzte, Schwestern, die mir Zeitschriften schenken, Mittag, Abendbrot. Heute Abend kommt „Kesslers Expedition“ im Fernsehen (man gut, dass die Klinik ‚rbb‘ empfängt), darauf freue ich mich wie ein Kind auf Weihnachten. Ich liebe es, bekomme immer eine ganz merkwürdige, aber schöne Art von Fernweh. Dann liegt hier noch viel Strickzeug, das weitergenadelt werden mag, und ehe ich mich versehe, bin ich wieder zuhause und kümmere mich – hoffentlich! – wieder mal endlich um Mann, Kinder, Haushalt. Na ja, mit angezogener Handbremse, ich weiß, ich weiß. Aber sobald es einem gut/besser geht, wird man schnell übermütig und mutet sich mehr zu, als man sollte. Bzw. normalerweise geht es dann auch immer, aber irgendwie ist dieser dumme Krebs echt gerissen und ein hinterhältiges Stück.

Fazit: Das Allerschlimmste ist, dass mich niemand besuchen darf, der annähernd krank ist. Und irgendwie sind alle um mich herum annähernd oder dolle krank. Hrmpf. Aber dann beim näch-, neeee, haha, Scherz, ich hoffe ein nächstes Mal gibt’s nicht. Möchte nur ungern in jedem Zyklus hier sein. Mir fehlen meine Kinder extrem, aber das ist wohl klar und da müssen wir alle durch. Aber wir haben schon ganz andere Sachen geschafft.

Noch zwei Sachen, die mir die letzten Tage sehr, sehr ans Herz gingen:

Jörn schrieb mir über Facebook:
„Hatte ich dir noch gar nicht erzählt: Gestern habe ich noch mit ihr (Romy) im Bett gekuschelt und gesagt, dass sie eine ganz tolle Tochter ist und wir sie ganz lieb haben, auch jetzt wo du halt nicht so oft da bist… Dann fängt sie an sich was aus den Augen zu wischen und sagt dabei „Ich will jetzt nicht weinen…“.

Und eine Aussage meiner Mutter, die mich zum gleichermaßen zum nachdenken und schmunzeln brachte. Sie schrieb:
„Moni, ich weiß warum es dir so schlecht ging. Bestimmt ist da der Krebs gestorben.“
Meine Mami hat irgendwo immer recht. Hoffe ich.

Bis bald – eure Chemonica!

Autor:

Monica L., alias Chemonica, geboren und wohnend seit 30.11.1982 in Braunschweig. Glücklich verliebt seit 2001 und verheiratet seit 2010 mit Jörn (lordlaui), zudem fast vor Stolz platzende Mami von Romy (*19.09.2012) und Mick (*12.07.2016).

4 Kommentare zu „Du kleiner, mieser, hinterhältiger Krebs…

  1. Ich bin so froh, daß du das erstmal so glimpflich überstanden hast. Weißt du, wann immer ich aus welchen Gründen grad mal die Nase voll habe, muß ich an dich denken. Und dann komme ich mir ziemlich blöd vor 😉. Weil du ohne mit der Wimper zu zucken und ohne jammern da tapfer durchgehst, mit deiner direkten und offenen Art und deinem trockenen Humor. Und ich bin nicht erkältet. 😃Und wenn ich nicht arbeiten müßte, dann würde ich dich mit einem Blumenstrauß und Strickzeug bewaffnet glatt besuchen 😃. Erhol dich weiter gut! Alles Liebe. 😊

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    1. Ach Daniela, mein kleiner großer Engel 🙂 Mach mich hier bloß nicht zur Superheldin, ich lese mich hier genug jammern und frag mal meinen Mann, ich kann das gut! 😉 Irgendwann treffen wir uns mal (haha, meine Autokorrektur machte eben „treten“ aus „treffen“) und dann mampfen wir Schokolade, stricken und reden, bis und die Mundwinkel pillen 😀

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  2. Liebe Moni, habe jetzt erst gesehen , dass man dir hier ein paar Zeilen da lassen kann. Ich lese hier immer mit sobald es meine Zeit zu lässt. Du bist so tapfer und stark. Mach weiter so! Ich denke sehr viel an dich und wünsche dir von ganzem Herzen, dass du ganz schnell wieder gesund wirst.

    Fühl dich ganz fest gedrückt.
    Lieben Gruß Tina die Syltfee

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