All OHR nothing

Guten Tag, liebe Leser!

Heute war wieder Blutbildkontrolle angesagt.

Um 9:45 Uhr holte mich mein Taxi pünktlich ab und lieferte mich bei der Praxis Dr. Lorenz ab. Ich konnte gleich durch ins Labor und Miss Rammnadel (so langsam muss ich ihr den Titel aberkennen, sie kann es inzwischen besser) zapfte Porti an. Schon beim letzten Mal konnten wir ihm nur etwas Blut entlocken, indem ich mich vorbeugte und hustete. Aber heute half alles nix, Porti wollte nix geben. Also suchten wir verzweifelt an meinem linken Arm nach einer brauchbaren Stelle, ist ja bei mir wie ein Lottogewinn. Handrücken wollte sie nicht und fand dann was Passendes in der Armbeuge (boah, wie ich dieses Gefühl hasse!). Ich war fünf oder sechs Jahre alt, da brach meinem Kinderarzt mal die Nadel beim Blut abnehmen ab, ich weiß noch, dass ich total heulte. Und das Gefühl, dass da jemand an deiner Armbeuge mit einer Pinzette hantiert und die Nadel wieder hervorkramt, bah ne, das vergisst man nicht, schüttel schauder. Daher ist mir der Handrücken immer ganz recht. Oder eben Porti. Aber der war wohl schon im Wochenende, hrmpf.
Der Blutbildautomat ratterte fröhlich und schon nach kurzer Zeit hieß es, meine Werte seien alle einwandrei. Super! Dennoch fragte ich, ob ich denn kurz zum Doc könne, mein linkes Ohr macht nämlich immer noch Mucken. Ich höre mein eigenes Blut oft laut pulsieren, es knackst oft und tut dabei teilweise weh. Und heute nehme ich die letzte Antibiotika-Pille (juchuuuh, seit dem 25.10. musste ich durchhalten) und habe etwas Sorge, eine Entzündung zu haben, vielleicht kann er mir was verschreiben oder so. Ja, kein Problem, ich solle an der Anmeldung Bescheid sagen und schon mal vorne Platz nehmen.

Gesagt, getan, und dann hieß es: warten. Und ich musste gut eine Stunde aushalten. Nur, um dann von Dr. Lorenz gesagt zu bekommen, dass er gar keine Instrumentarien besitzt, um ins Ohr zu gucken, und seine Mitarbeiterinnen würden nun versuchen, mich noch bei der HNO-Praxis schräg gegenüber unterzubringen (es war 11:40 Uhr, freitags!). Er legte mir aber auch nahe, dass wir Montag schauen müssen, ob es sinnvoll ist, die Chemotherapie durchzuführen. Ich habe immer noch den Infekt, Husten, Schnupfen mit gelblichem Sekret und er kann verstehen, dass es immer ein logistischer Aufwand ist (weil Jörn sich ja für jeden Chemotag Urlaub nimmt und jedes Mal verschieben bedeutet, er verschenkt einen Urlaubstag), aber wir müssten eben auch sehen, dass ich dabei nicht auf der Strecke bleibe, der Körper kommt mit der Erholung und Genesung nicht hinterher.

Ich merke es ja auch selbst: Dienstag habe ich mir ein klein wenig in den linken Mittelfinger geschnitten (das passiert mir sonst NIE!). Es puckert und pocht noch heute, tut weh, genau wie im Mundraum. Da habe ich es Dienstag Nacht geschafft, mir während des Schlafens in die Wangeninnenseite zu beißen, aber ordentlich. So ordentlich, dass meine Zahnärztin am Mittwoch, als ich zur Kontrolle war, die Luft scharf zwischen den Zähnen einsog und mich fragte, was ich da denn gemacht habe. Sie rief sogar ihre Helferin und sagte „guck mal Chrissi!“ – und die auch nur: „Ach jee, Frau L., was haben Sie denn DA gemacht?“ Äh, ja, weiß auch nicht. Geschlafen und Hunger gehabt? Ich spüle nun regelmäßig mit Kamillosan, schmiere mir Dentinox drauf (ja, ich weiß, es ist eigentlich für Säuglinge, aber es betäubt so nett und ist verhältnismäßig günstig), ich merke aber, dass nichts so richtig verheilen mag. Bzw. dauert es alles sehr, sehr lang. Und das bei mir, Miss Ungeduld. Miss „kann bitte nicht schon übermorgen sein“, Frau „sind wir endlich da?“. Ich weiß nur, dass ich, trotz großer Angst vor Montag, sehr enttäuscht bin, wenn ich nicht zur Therapie darf. Ich möchte gerne im Januar fertig sein, nicht Februar. Ich möchte die scheiß letzte Runde EC endlich hinter mich bringen, mit all seinen schrecklichen Nebenwirkungen. Aber wieder eine Woche ohne Therapie rum bringen ist so „sinnlos“. Also, lieber Körper, liebes Öhrchen, hört mir mal zu: Bitte reißt euch ein klein wenig mehr zusammen. Okay? Bitte, bitte. Auf euch ist doch immer Verlass gewesen.

Ich verabschiedete mich vom Doc und wartete an der Anmeldung. Sie riefen in der HNO-Praxis an. „Wenn Sie in fünf Minuten da sind, nehmen sie Sie noch dran.“ Die Kollegin rollte mit den Augen und sagte nur „wie, und wenn Frau L. jetzt sechs Minuten braucht, dann nicht oder wie? Die sollen sich nicht so anstellen.“ Ich bedankte mich und flitzte los. Und schaffte es noch rechtzeitig, puh. Ich saß keine zwei Minuten, schon wurde ich aufgerufen. Der Metzger, äh, HNO-Arzt, den ich namentlich mal unerwähnt lasse, fragte mich nach meinen Beschwerden, war ganz erstaunt, dass ich Krebs habe (ja Schatz, liest du die Überweisung auch, die man dir gibt?) und sah mir in den Rachen, Nase und Ohren. Er kam zu der Diagnose, dass ich Flüssigkeit im linken Mittelohr habe. Ich verschreibe mir nun Ohrentropfen, die ich 3x täglich nehmen soll, dazu Druckausgleich machen und nächste Woche solle ich wiederkommen. Sonst würden wir die Ohren durchpusten. Alter, bitte was? Kindheits-Flashback: Meine Schwester hatte als Kind eine Phase, wo sie dauernd „was?“, „hä?“, „wie bitte?“ usw. sagte. Und meine Mutter war immer total genervt und meckerte immer „Wenn du nichts hörst, dann gehen wir mal zum Arzt und lassen die Ohren durchpusten!“ Das hat mir als Kind immer Angst gemacht (danke Mami, tzz!). Und nun soll mich das wirklich mal ereilen? Äh, ne danke, das klingt echt schmerzhaft. Und wenn ich mir das Nasenspray ins Ohr sprühe, nee da mag ich nicht noch mal hin, fieeep. Ich hatte auch das Glück, dass er total schlecht gelaunt war, weil ihn eine Patientin schon mehrfach wegen einer Krankmeldung genervt hatte. Zuletzt kam er aus seinem Zimmer, meckerte die Patientin an und beendete seinen Vortrag mit „Haben Sie mich verstanden?“ – Patientin, „ja, ich habe Sie verstanden, aber -“ – „Gut, Wiedersehen“ und ging. Und die geballte Ladung schlechter Laune bekam ich dann ab. Ich hasse Leute, die ihre schlechte Laune an anderen ablassen, meine ehemalige Chefin war genauso. Und hat mich immer gefragt, wie ich immer so gute Laune haben könne. Weiß nicht, konnte ich einfach. Meine miese Laune habe ich immer daheim gelassen (nicht wahr, Jörn?), ich kann es nicht ausstehen, bei der Arbeit ne lange Fresse zu ziehen.

Ich verließ die Metzgerei und begab mich zu meiner Stammapotheke, kaufte mir Nasenspray und ein kleines Döschen mit Pfefferminzpastillen, mit dem ich schon seit vier Wochen liebäugele, da kann man nämlich prima Maschenmarkierer reinpacken (ich habe ja schon eine so schöne Dose von Daniela <3) Mein Mann hat es mit einem „dass man dich immer mit solchem Schnickschnack begeistern kann“. Ja, kann man -__- Perfekt für Stecknadeln, Maschenmarkierer oder diese kleinen Haken, mit denen man seine Knitpro Nadelspitzen festzurrt.

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Ich nehme nun die „heiße 7“ 1x täglich, werde mir nachher ne olle Kartoffel kochen, mir ein Spucktuch von Mick schnappen, die zermatschte Knolle da reinprummeln und mir dann aufs Öhrchen kloppen. Oder lieber eher ein Zwiebelsäckchen? Aber ich glaube, den Geruch verkrafte ich nicht. Das waren jedenfalls die Tipps der Apothekerin. Dazu 3x täglich Nasenspray und dann kann ich nur hoffen, dass sich das Ohr-Problem bis Montag etwas bessert – und mein Infekt auch. Sonst geht mir unter Umständen wieder eine Woche flöten.

Jetzt geht Romy gerade aufs Laternenfest und ich kann nicht mit. Na ja, könnte schon, aber die Gefahr, dass ich mir bei einem Kind oder Erwachsenen irgendeinen neuen Infekt hole, ist einfach zu groß. Denn auch wenn meine Blutwerte gut sind, so ist mein Immunsystem dennoch sehr angeschlagen. Da muss ich also durch, seufz.

Ich wünsche euch allen ein bezauberndes Wochenende, macht es euch gemütlich!

Eure Chemonica – hatschiii!

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Autor:

Monica L., alias Chemonica, geboren und wohnend seit 30.11.1982 in Braunschweig. Glücklich verliebt seit 2001 und verheiratet seit 2010 mit Jörn (lordlaui), zudem fast vor Stolz platzende Mami von Romy (*19.09.2012) und Mick (*12.07.2016). Am 11.07.2016 warf mir die Diagnose Brustkrebs gehörig einen Knüppel zwischen die Beine (G3, triple negativ, 2,5 cm, 4/10 befallene Lymphknoten etc.) und aktuell setze ich - hoffentlich - alles Machbare ein, um wieder krebsfrei zu werden.

3 Kommentare zu „All OHR nothing

  1. Ach Moni, du gerätst ja immer an Leute *augenroll* Ich finde, wenn man schon einen sozialen Beruf hat, sollte man eben auch mit Menschen umgehen können.
    Hm… Was los mit Porti? Warum Willner denn nix geben? Hat das eine besonderen Grund?

    Toi toi toi, dass du hoffentlich am Montag fit bist. Kann dich verstehen, dass du deinen Plan nicht verschieben willst. Ich finde es auch immer bewundernswert, wie manche Menschen so absolut ruhig und gelassen bleiben können (mein Mann ist da auch so ein Exemplar) ich dagegen bin da eher so gestrickt wie du *panik*
    Halte dich wacker und gehe den Schnupfnase aus dem Weg.
    LG

    Gefällt 1 Person

  2. Oje, Moni, er Metzger ist ja furchtbar. Den würde ich auch nicht pusten lassen wollen (und auch sonst niemanden *schauder*). Halt‘ Dich tapfer und ich die Daumen, dass die nächste Runde Chemo eingeläutet werden kann. Dann gehts weiter!!

    Gefällt 1 Person

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