Chemo-Bergfest

Montagmorgen, 6:30 Uhr.
„I took a pill in Ibiza.
To show Avicii I was cool.
And when I finally got sober, felt 10 years older
But fuck it, it was something to do…“
Mein Handywecker dudelt mich aus dem Schlaf. Eines meiner Lieblingslieder, diesen Song verbinde ich mit dem vergangenen Sommer, meiner Schwangerschaft, Autofahren, Micks Geburt, Krebs. Kein Lied kann bei mir gute Laune und fast gleichzeitig einen Tränenausbruch auslösen, aber dieses schafft es. Beim Hören empfinde ich Freude, Dankbarkeit, Trauer, Wehmut, Fernweh. Ganz merkwürdig, kaum zu beschreiben. Aber ich mag es einfach sehr.
Ich öffne die Augen und mir fällt ein: Heute ist – eventuell – Chemoday. Sofern man mich lässt, den Ärzten gefällt ja mein Infekt nicht und meine Ohrprobleme. Angst, Unwohlsein, Freude machen sich in mir breit. Ich stehe auf, nehme meine Schilddrüsentablette, gehe ins Bad und werfe die Dusche an. Mir ist leicht gurkig, wie immer am Chemotag. Es ist so eine Mischung aus Aufregung, Angst vor dem Ungewissen, vor kommenden Nebenwirkungen, wobei ich mir gedankliche Spekulationen absolut verboten habe. Ein „oh je, nächstes Mal wird dir bestimmt noch schlechter“ bringt mich ohnehin nicht weiter, und jede Chemorunde ist anders, das weiß ich nun. Also schiebe ich auch heute jeglichen Gedanken an „es könnte was sein“ beiseite und versuche die Dusche zu genießen.
Anschließend eincremen (auch sowas, was ich vorher nie tat, aber jetzt schreit meine Haut nach Pflege, alles ist trocken, rissig, spröde), Zähne putzen, ein wenig Wimperntusche auftragen. Beim Abtrocknen fällt mir schon auf, dass meine letzten Stoppel- und Flaumhaare deutlich ausfallen, auch hatte ich einige Augenbrauen- und Wimpernhaare im Gesicht. Der optische Verfall schreitet also voran. Nun gut. Es wird Winter, auch mein Körper verfällt in eine Art Schlaf.
Um 7:00 Uhr nehme ich meine Emend-Tablette gegen Übelkeit, ziehe mich an, suche mir eine schöne Mütze und einen Schal und um kurz vor halb Acht schleiche ich mich ins Schlafzimmer und sage meinen drei Lieblingsmenschen Tschüss, sie sollen mir die Daumen drücken, dass ich nicht gleich schon wieder komme (und die Therapie damit ausfällt).

Um Punkt halb Acht stand Hajo mit seinem Taxi vor der Tür und lieferte mich pünktlich in der Praxis ab. Ich konnte direkt ins Labor durch. Da Karo nicht genau wusste, ob heute noch Ultraschall gemacht würde, nahm sie lieber aus der Armvene Blut ab, und sie fand sogar auf Anhieb eine Stelle, die Blut hergab, ist ja bei mir immer so eine Glückssache. Werte alle super, Eisen 11,9 und Leukozyten 4,6. Also ab nach vorne und auf Frau Dr. Kreiss-Sender warten. Oki, gesagt, getan. Kaum saß ich, kam Frau Doktor schon um die Ecke und nahm mich mit. Sie freute sich, mich mal wieder ohne Mundschutz zu sehen. Aber als ich husten musste, meinte sie doch glatt zu mir „gut sehen Sie nicht aus“ (na danke, also nächstes Mal mehr Make-up, pah!). Sie horchte mich ab, aber die Lunge sei frei. Sie haderte etwas, ihr wäre es eigentlich ganz recht, wenn wir die Chemo verschieben würden, da mein Körper mit dem Infekt noch nicht fertig sei. Sie erkundigte sich zudem nach meinem Ohr. Das Rauschen ist teilweise weg, ab und an klappt der Druckausgleich auch links, leider noch nicht immer, aber ich sagte ihr auch, dass ich nicht erneut zu diesem HNO-Arzt gehen werde. Sie überlegte kurz und stimmte dann der heutigen Therapie zu. Wie es mir danach gehen würde, könne sie ja nie sagen.
Ich fragte sie dann noch kurz wegen dem BRCA-Test und sie war ganz verwundert, dass hierzu noch kein Gespräch oder Terminvereinbarung erfolgt ist. Sie gab mir einen Flyer, wo ich demnächst anrufen werde, um einen Termin zu vereinbaren (ich glaube es war die MH Hannover). Aber erst einmal werde ich den heutigen Tag überstehen (kann mal einer die Uhr vordrehen, bitte?).

Ich verabschiedete mich von Frau Dr. Kreiss-Sender und sagte am Empfang Bescheid, dass man meine Dröhnung bestellen könne und ging nach oben. Dort wies man mir wieder einen Platz zu, eine Dame kannte ich bereits, die anderen beiden nicht. Gegenüber von mir saß eine jüngere Frau, vielleicht fünf Jahre älter als ich, wenn überhaupt. Sie sah nicht sonderlich gut aus (ihr wisst, wie ich das meine). Ihre Haut gelblich-grau, ihre Mütze verrutscht, Augenringe, sie wirkte sehr müde und angeschlagen.
Wir kamen alle ins Gespräch und ich erfuhr, dass die Frau drei Kinder hat, der älteste Sohn ist 14 und geistig behindert aufgrund eines Ärztefehlers. Ihr Sohn hatte wohl direkt nach der Geburt ein Medikament gegen Epilepsie bekommen, da er wohl Anzeichen dazu zeigte. Der Arzt überlegte es sich doch anders und setzte das Medikament abrupt ab, was beim Sohn wohl zum mehrmaligen klinischen Tod führte, anschließend Flüssigkeitsansammlungen im Hirn mit daraus resultierendem irreparablen Schaden. Die Frau erklärte uns, dass sie noch heute einen so unglaublichen Hass auf diesen Arzt habe, dieser praktiziere immer noch in derselben Klinik. Ihr damaliger Mann habe sie und ihren dann behinderten Sohn drei Monate nach seiner Geburt aus der Wohnung geworfen, mitten in der Nacht.
Schließlich erzählte sie, dass sie eine Brust abgenommen bekommen hat, ihr Tumor war 7,5 cm groß, wuchs von innen nach außen und erst, als sich die Brust sichtlich deformierte, habe sie es bemerkt.
Ich saß da, hörte zu und schluckte. Es geht mir echt noch richtig gut. Und ich stelle mich an wegen einem popeligen 2,5 cm-Tumor. Ich habe zwei gesunde Kinder und einen fantastischen Ehemann. Was jammere ich eigentlich immer so rum?

Wir unterhielten uns alle weiter über Gott und die Welt. Plötzlich schrie die Frau auf „mir wird schlecht!“ und ich dachte nur – nein, bitte nicht! Und merkte kurz, wie Panik in mir aufkam. Und ich dachte „hey, cool down, dir geht es gut und hier sind Leute, die ihr sofort helfen können.“ Und mein Körper hörte glücklicherweise auf mich und beruhigte sich wieder. Anna, eine liebe Mitarbeiterin der Praxis Lorenz, kam sofort zu ihr gestürzt mit einer Spuckschale, „hier Liebes, dann spuck wenn du musst“. Die Frau schrie weiter, geriet in Panik „mir ist so schlecht, Mama, Hilfe! Oh Gott!“ und spuckte schließlich in die Schale. Ich guckte weg und hörte es nur. Für mich mit Emetophobie eine absolute Herausforderung, aber ich muss mal ganz neutral sagen: hey, so schlimm war es gar nicht. Man roch glücklicherweise auch nichts. Sie wimmerte und hechelte „mach bitte das Fenster auf, Fenster auf!!!“ und Anna öffnete es. Sie keuchte und flehte „mir ist so schlecht, oh hilf mir doch bitte“ und Anna redete ruhig auf sie ein, dass sie dann spucken müsse, mehr könne sie auch nicht helfen. Sie hatte die Pumpe sofort abgestellt und erklärte das der Frau auch, es fließe aktuell keine Medikation. Die Frau beruhigte sich nur sehr langsam und ich traute mich, sie wieder anzusehen. Hatte mir dann zur Ablenkung nämlich schnell mein Strickzeug gegriffen. Sie sah wirklich nicht gut aus, ihr Gesicht schien leicht geschwollen zu sein, ihr Blutdruck  war aber normal, wie eine Messung zeigte. Anna holte schließlich Frau Dr. Kreiss-Sender, die die Frau abhorchte und untersuchte, sie legten ihre Beine hoch und Frau Doktor erklärte ihr in aller Ruhe, was gemacht wurde und würde. Man konnte heraushören, dass diese Frau wohl sehr überempfindlich auf die Chemo reagiere. Ohne das böse zu meinen. Aber beim ersten Mal gab es wohl schon Probleme. Ihr wurde erklärt, dass sie bei Drei tief einatmen solle und dann die Nadel in den Port gestochen würde. Und bei Zwei schrie sie schon so auf und schrie vor Schmerz – dabei hatte man ja noch nicht mal begonnen. Dies war heute ihre zweite Runde. Die restliche Zeit, während ich da war, hing sie nur noch wie ein Schluck Wasser in der Kurve auf ihrem Stuhl, zugedeckt, schlief und man hatte die Pumpe so eingestellt, dass die Medikation ganz langsam durchläuft und die Chemo bei ihr insgesamt sechs Stunden dauern würde, um eine ggf. Überreaktion zu vermeiden.

Die Zeit verging, wir drei anderen Mädels unterhielten uns leise weiter, aber auch nicht mehr mit so viel Elan, wir hatten richtig Mitleid, nein, Mitgefühl für die Frau. Was muss ein Mensch eigentlich alles ertragen?

Bei mir ging glücklicherweise alles ohne Komplikationen über die Bühne und so konnte ich hinter Chemo-Runde 4 einen dicken Haken setzen. Nun habe ich es geschafft, ich habe vier Runden EC überstanden. Runde 1 voller Optimismus und verhältnismäßig wenig Nebenwirkungen, aber leichtem Fieber, Runde 2 mit stärkeren Nebenwirkungen und fünf Tagen Krankenhaus, dank nicht bekämpfbarem Fieber, Runde 3 mit starker Übelkeit, und Runde 4? Wir warten mal ab. Aktuell ist mir leicht gammelgurkig und ich bin sehr müde, darum lege ich mich jetzt auch hin. Jörn hat sich netterweise für morgen noch Urlaub genommen (ich danke dir so, so, so sehr!), damit ich heute und morgen komplett durchhängen kann und mich heute Nacht noch nicht um Mick kümmern muss. Ich fühle mich ziemlich gurkig, aber es ging mir auch schon schlechter. Na mal schauen, was der Abend bringt (ich hoffe nur Gutes, hrhr).

Jetzt habe ich ein Portiönchen Tüten-Kartoffelbrei gegessen (keine Ahnung, aber ich hatte da so Appetit drauf) und werde jetzt schlafen. Und wenn ich aufwache, kann ich bestimmt Bäume ausreißen. Bäumchen. Na ja, vielleicht Grashalme. Wobei, bücken ist zu anstrengend. Haare. Genau, ich reiße Haare aus. Ach, brauch ich nicht, die fallen auch so. Noch besser. Vielleicht reicht die vorhandene Energie dann zum stricken. Und wenn nicht, dann ist morgen ja auch noch ein Tag.

Ich habe jetzt drei Wochen frei. Am 05.12. ist dann Runde 5, dann mit dem Wirkstoff Docetaxel. Mal sehen, welche Nebenwirkungen mich dann erwarten. Aber daran wird nicht weiter drüber nachgedacht. Ein „könnte, würde, sollte“ ist verboten!

Bis bald –  eure Chemonica!
P.S.: Yeah, I really survived „jemand übergibt sich gegenüber von mir“, ich bin immer noch ganz baff, dass ich nicht komplett ausgeflippt bin.

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Autor:

Monica L., alias Chemonica, geboren und wohnend seit 30.11.1982 in Braunschweig. Glücklich verliebt seit 2001 und verheiratet seit 2010 mit Jörn (lordlaui), zudem fast vor Stolz platzende Mami von Romy (*19.09.2012) und Mick (*12.07.2016). Am 11.07.2016 warf mir die Diagnose Brustkrebs gehörig einen Knüppel zwischen die Beine (G3, triple negativ, 2,5 cm, 4/10 befallene Lymphknoten etc.) und aktuell setze ich - hoffentlich - alles Machbare ein, um wieder krebsfrei zu werden.

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