Trauma: Krankenhaus, Teil 2

Hallo meine Lieben,

hier nun also Tag 2 meiner Odyssee.

Nachdem Schwester Anja-Herzi bei mir war, versuchte ich die Zeit etwas tot zu schlagen. Um 12:00 Uhr bekam ich Mittagessen, holte mir mein Tablett direkt beim Speisenwagen ab und huschte damit zurück in den Besucher-Bereich. Meine merkwürdige Bettnachbarin sah das alles etwas unproblematisch, sie kippte sich literweise kohlensäurehaltiges Wasser rein und aß alles, was ihr im Krankenhaus  vor die Linse kam. Ging dann eben alles wieder herausspucken oder es haute eben hinten durch, war ihr alles egal. Sie hatte auch noch einen Blasenkatheter und so wackelte sie immer zwischen Zimmer und Gangtoilette hin und her.

Ich aß also meine drei, vier trockenen Nudeln, die ich nur widerwillig in die merkwürdig schmeckende Soße vom Schweinegeschnetzelten stippte und ertappte mich dabei, wie ich dauernd auf die Uhr sah. Um 13:00 Uhr sollte ja die Umverlegung ins Krankenhaus Celler Straße sein. Mir ging durch den Kopf, was Herzi mir sagte: „kein köziges Zimmer… genug Platz“. Würde ich doch noch in den Genuss eines Einzelzimmers kommen? Versteht mich nicht falsch, ich will gleich klarstellen: Ich wäre bereit (gewesen), für ein Einzelzimmer zu zahlen, das gab ich auch an. Aber in der Salzdahlumer Straße gab es aus Platzgründen keins mehr. Und als ich im Oktober im Krankenhaus war, kam ich ja sofort in Umkehr-Isolation (das heißt, immungeschwächte Menschen werden von der normalen Umgebung isoliert, um Infektionserkrankungen zu vermeiden). Später erwähnte das eine Mädel vom Rücktransport in die Celler Str., dass man das diesmal bei mir nur nicht gemacht habe, da kein Platz dafür gewesen sei. Schön, also mit anderen Worten hatte ich von Anfang an Pech und es wurde in Kauf genommen, dass ich mich eben irgendwo anstecke, weil einfach nicht genug Zimmer frei waren. Super 😦 Im Krankenhaus fliegt ja nur wesentlich mehr rum als bei uns daheim.

Ich brachte mein Essenstablett zurück in den Speise-Rollcontainer und nahm wieder im Besucher-Bereich Platz. Da kam Herzi-Anja vorbei, organisierte einen Infusionsständer und stöpselte mich an, um mir die Antibiose zu verabreichen. Nach wenigen Minuten setzte sich ein junger Mann zu mir, der sich einen Tee gemacht hatte, und wir kamen ins Gespräch. Wir redeten über unsere Kinder, dass seine Frau auch Krebs habe usw. Irgendwann hustete er in seine Armbeuge und ich dachte „uh, das klingt ja nicht so gut“ und er erklärte mir dann, er habe sich nach Weihnachten mit einer so starken Erkältung bei seinem Hausarzt vorgestellt, dass dieser ihn ins Krankenhaus überwiesen hat. Toll, und dieser Mann sitzt mir gerade gegenüber und ich trage nur einen Mundschutz. Aaaaaahhhhh! Vor meinem inneren Auge wünschte ich mir in diesem Moment eine sprudelnde Badewanne, gefüllt mit feinstem Sagrotan, Sterillium oder so. Ich versuchte mich innerlich wieder zu beruhigen, ich hatte ja genug Antibiose im Blut. Hoffe ich. Wir redeten und redeten und irgendwann sah ich, dass es schon fast 13:30 Uhr war. Gerade, als ich anfing zu überlegen, ob ich nun doch nicht umverlegt werde, tauchten zwei nette Sanitäterinnen auf, um mich abzuholen. Der Mann verabschiedete sich, denn er wartete nur auf seine Entlassungsunterlagen, und eine Schwester stöpselte mich schnell von der durchgelaufenen Antibiose ab. Wir holten noch schnell mein Gepäck aus dem Rülps-Furz-fast-kotz-Zimmer und ich verabschiedete mich von den beiden Damen, was übrigens der einzige Dialog blieb.

Dann ging es ab in die Celler Straße. Die beiden Mädels vom Transport waren sehr nett und ich bewundere deren Arbeit ja gleich noch mal einen Zacken mehr (ja, sorry Jungs!), aber wenn ich bedenke, dass diese beiden zarten Geschöpfe Männlein wie Weiblein versorgen, im Stuhl die Rampen hoch- und runterschieben oder mit der Trage schleppen müssen – puh, wow! Aber an dieser Stelle einmal sowieso ein großes Dankeschön an ALLE Pflegekräfte jeglicher Art, die auch nur im entferntesten Bereich etwas damit oder dem Bereich Gesundheit zu tun haben (ich hoffe, nun fühlt sich niemand diskrimiert?):

Ihr leistet wirklich großartige Arbeit und ich ziehe meine Mütze vor jedem einzelnen von euch. Vor der Apothekerin – sei es, sie lebt ein Stück zu weit weg und schickt mir dennoch immer tolle Dinge, die meinen doofen Krankheitsalltag entlasten und die mir immer mit Rat und Tat zur Seite steht, wenn ich mal wieder saudoofe Fragen über den Facebook-Messenger stelle, über all die Schwestern, Pfleger, Helfer/innen, medizinischen Angestellten und, ja, ich kenne leider nicht alle Fachbezeichnungen, bitte seht es mir nach, bis hin zu jeder einzelnen Mitarbeiterin da draußen, die sich so toll, liebevoll, rührend und empathisch um jede Chemopatientin von uns kümmert, während die giftige Brühe durch unsere Venen sifft. die einen bei der Begrüßung in den Arm nehmen oder laut „Die Mooooni!“ rufen, wenn sie mich sehen. Ich sage DANKE, DANKE, DANKE! Ihr leistet einen so großartigen Job und es ist mir unbegreiflich, wie ein schnöder Manager mit zig Tausend Kröten monatlich in seiner dicken Luxuskarre heim gondelt, während ihr da draußen einen Knochenjob macht. Aber wem sage ich das, was?

Wir fuhren also auf Station und mich empfing eine sehr lustlos wirkende Schwester, die mich mit einem „hier geht’s rein.“ empfing, die Tür aufriss und ich sah eine ältere Dame im Bett liegen, der ein leises „ach du scheiße!“ entfuhr (wie bitte durfte ich das denn verstehen? Pah! Ich sah ja wohl fantastisch aus mit meinem Mundschutz!). In dem Moment entdeckte ich ein Utensil auf dem Zimmer. Und hätte man einen Film gedreht, wäre die Kamera in dem Moment ganz nah an mein Gesicht gezoomt: Ein Toilettenstuhl. Neben der älteren Dame. Mir entgleisten alle Gesichtszüge.

Schwester Stress redete weiter: „Da ist das Bett, sehen Sie sicher, da das Bad. Dusche ist auf dem Flur, wo die Klingel ist, wissen Sie?“ Ja, ja, weiß ich. Ich gebe zu, dass mich ihre Ohrläppchen anwiderten. Sie trägt in ihrer Freizeit wohl diese riesigen Tunnelohrringe, jedenfalls dufte sie sie wohl während ihrer Arbeitszeit nicht tragen? Auf jeden Fall schlabberten ihre Ohrläppchen wild durch die Gegend und ich konnte kaum wegsehen. Diese Tunnel selbst stören mich immer nicht, aber ich hatte noch nie gesehen, wie – sorry – furchtbar das dann ohne aussieht. Wuah! Na ja, jeder wie er mag.

Sie flitzte wieder raus, schmiss meine Taschen noch ins Zimmer und die ältere Dame rief ihr noch ein „Schwester? Könnten Sie den Topf noch mal leeren? Das Zeug haut heute auch wieder durch“ hinterher, woraufhin Schwester Stress mit langem Gesicht den Topf wechselte, mir wurde heiß und kalt bei dem Gedanken daran, der älteren Dame bei ihren Ausscheidungen zuhören/-sehen zu müssen. Die Schwester rief mich noch mal zu sich heraus, um mir die Dusche auf dem Flur zu zeigen. Ich dankte ihr und fragte, ob es denn möglich sie, ein Einzelzimmer zu bekommen, gerne auch gegen Bezahlung. Sie fuhr mich an „wir sind ja kein Hotel, und es ist ALLES belegt. Nö, wir haben nix.“ Ich sagte, dass die Frage ja nicht böse gemeint war, ich aber schon gerne eines gehabt hätte, um Ruhe zu haben und man hätte mich beim letzten Mal auch direkt in Umkehrisolation gesteckt. Tja, das möge ja sein, aber sie hätten nichts frei. Ich fragte, ob sonst eine Rückverlegung in die Salzdahlumer Straße möglich sei, wenn die Zimmer hätten. Ich solle den Arzt fragen, ihr sei das egal. Und verschwand. Ich schreibe jetzt nicht, was ich in dem Moment dachte, aber ihr müsst mich verstehen, ich befand mich in einem seelischen Ausnahmezustand. Ich hatte die Nacht davor kaum geschlafen, hatte den Tag davor Fieber, eine Tortour an Wartezeit hinter mir, bummelte sonst nur meine Zeit ab (glaubt mal nicht, dass bei mir groß Fieber gemessen wurde. Genau ein einziges Mal!). Ich ging wieder ins Zimmer.

Die ältere Dame stellte sich als „hallo, ich bin die Angelika“ vor. Und wer mich kennt, weiß, wie viel ICH eigentlich schon rede. Nein, Angelika beherrschte die Vielrederei noch viel mehr. Binnen weniger Minuten wusste ich, dass sie nur noch einen Zahn im Mund hatte, eine Unterschenkelamputation vor einigen Jahren hatte, dank Tumor unterm Fuß, den man jahrelang nicht erkannt hatte, sie viele Jahre, „na ja, nicht gesoffen, aber gut Bier getrunken“ habe, seit einigen Monaten nicht mehr rauche, Lungenkrebs habe, mit Metastasen in der Leber, hier im Krankenhaus sei, um die Chemo stationär zu machen, seit 27 Jahren mit ihrem Mann zusammenlebe, er sei aber nicht ihr Mann, sie wahnsinnig gerne griechischen Joghurt esse… Und irgendwann meinte sie richtig traurig zu mir „du magst nicht mit mir in einem Zimmer sein?“ Sie hatte also das Gespräch mit der Schwester gehört. Scheiße.

Ich setzte mich auf mein Bett und mir war wirklich richtig, richtig zum heulen. Versteht mich bitte nicht falsch. Ich fand und finde Angelika wahnsinnig nett. Aber nun saß ich da, neben einer Frau, bei deren sämtlicher Ausscheidungen ich nun beiwohnen dürfte. Die redete und redete, während ich insgeheim so auf ein Einzelzimmer, auf Isolation, auf Ruhe gehofft hatte, um zu Kräften zu kommen, um meine Gedanken zu ordnen, um, WENN ich denn schon von Zuhause raus muss, auch mal ein wenig Ruhe tanken könnte. Und nun kam ich von Miss Rülps-Fastkotz-Furz zu Angelika-Pipikacka-Chemokotz? Immer in ständiger Angst, dass sie in ihren Topf machen muss oder ihr doch spontan übel wird – was bei einer Chemo ja nicht unüblich ist.
Ich erklärte Angelika, ja, in etwas gemilderter Form, dass es nicht an ihr persönlich liege, ich aber meine Kinder und meinen Mann so vermisse und auf ein Einzelzimmer gehofft hatte, um zur Ruhe zu kommen, meine Gedanken zu sortieren. Sie nickte und meinte, sie lasse mich ganz in Ruhe und wenn ich reden mag, solle ich was sagen. Ach mensch Angelika, du bist wirklich eine ganz, ganz Liebe! Aber ich habe ein großes Problem mit Ausscheidungen. Ich weiß nicht mal genau wieso. In Japan gibt es wohl auf vielen öffentlichen Toiletten diese Taste, die ein Spülgeräusch erzeugt, weil japanische Frauen nicht möchten, dass man beim Toilettengang unschickliche Geräusche hört. Ja, das wäre perfekt für mich! Ich kann auf öffentlichen Toiletten, abgesehen vom Ekelfaktor selbst, nicht einfach Pipi machen gehen, weil es jemand plätschern hören könnte. An andere Aktivitäten auf der Toilette denk ich nicht mal, um Himmels Willen! Ich weiß nicht, woher das alles kommt. Ob daher, dass mein „Vater“ (ich kann diesen Begriff hier nur in Anführungszeichen setzen), egal wo wir waren, gefurzt hat wie ein Wallach und das so ultrakomisch fand? Ob Supermarktkasse, Baumarkt, Elternabend. Völlig egal. Meine Emetophobie habe ich ihm, denke ich, auch zu verdanken. Ich kann mich nur an eine Situation erinnern: Ich war vier oder fünf Jahre alt und hatte mich im Schlaf übergeben. Und als ich das bemerkte (meine Schwester war auch voll, die arme lag neben mir –  verzeih mir!) und meine Mami leise wecken ging, wurde er auch wach. Und er schrie und brüllte so herum. Ich sei sogar zum kotzen zu blöde, so eine Scheiße usw. Ja, das Schimpfwortrepertoire seinerseits war ausgeprägt. Ich brauch wohl nicht zu erwähnen, dass ich somit als Kind auch schon darüber verfügte? Nein, ich bin wahrlich nicht stolz darauf. Meine Mutter erzählte mir mal, dass meine Phobie vielleicht auch davon kommt, weil er selbst gern mal aus dem Wohnwagenfenster gekübelt hätte, wenn er zu viel gesoffen hatte. Ja, irre guter Typ…

Wie dem auch sei, ich war am Ende. Ich merkte es. Absoluter Lagerkoller. Gekrönt wurde die ganze Situation dann, als Angelika meinte „so, will ich mal wieder“, stützte sich rüber und schon hörte ich sie in den Topf strullern, pups, struller… Danach zog sie sich wieder ins Bett. Möchte wissen, wie oft sie sich die Hände wäscht. Wobei, wohl lieber nicht… Sie meinte, ach, ehe sie ihre Prothese umgeschnallt habe, hätte sie sich in die Hose gemacht. Und der Rollstuhl sei auch so weit weg.
Als der Arzt kam, bat ich ihn, mit ihm unter vier Augen zu reden. Scheint wohl nicht üblich, denn er sah mich an, als hätte ich von ihm mein drittes Kind erbeten. Na ja, wir gingen in sein Büro und ich erklärte ihm meine Problematik. Dass ich eben diese Phobie habe, ich erhofft hatte, in Isolation zu kommen, um eine Infektion zu vermeiden, Ruhe zu bekommen, mal in Ruhe weinen zu können (ja, klingt albern, aber wann kann ich das schon?), ich meinen Mann und meine Kinder sehr vermissen würde und dass die letzten fünf Monate einfach echt viel gewesen seien. Leider gelang es mir nicht, das alles ohne Tränen zu äußern und der arme, junge Assistenzarzt sah mich an, als wolle er gleich die Geschlossene anrufen, wo ich auf jeden Fall in Einzelhaft kommen würde. Es ging mir aber wirklich be-schis-sen. Anders kann ich es nicht erklären. Ihr werdet wahrscheinlich gerade die Augen verdrehen und sagen „Gottchen, das sind ihre einzigen Sorgen?“ Selbst mein Mann kann leider nicht nachvollziehen, was genau ich nun alles so schlimm fand. Er ist leider nicht der empathischste Typ, aber das weiß ich ja auch. Und wenn ich mal weine, ist er inzwischen eher der „na na“-Schulterklopf-Sheldon-Cooper-Typ. Aber das weiß ich und es ist in Ordnung.
Ich saß nun also vor dem jungen Kerl und heulte ihm die Ohren voll. Dass mein Sohn zeitgleich zur Diagnose kam, ich echt böse Wochen der Chemo hinter mir habe, im Oktober schon im Krankenhaus war, da aber in Umkehrisolation kam und auch dieses Mal gehofft hatte, dass dies passiere, ich die Emetophobie habe und es für mich eine ganz schlimme Qual ist, anderen, fremden Menschen bei ihren Ausscheidungen beiwohnen zu müssen, ich meine Familie vermissen würde, am Vorabend schon mit zwei Damen in einem Zimmer lag, von denen eine mit ihren Körperöffnungen musizierte und dass ich das alles nicht mehr ertragen könne. Er bekam ein rotes Gesicht, der Ärmste wusste, glaube ich, gar nicht wirklich, was er sagen und wie er sich verhalten sollte, während ich meinen Mundschutz mit meinen Tränen durchweichte. Er versicherte mir nochmals, dass es keinerlei Möglichkeit gebe, mich zu isolieren oder umzuverlegen. Es gebe gastrointestinale Fälle, die isoliert sein müssten (als ich das hörte, wäre ich am liebsten gleich weggelaufen!) und es sei eben zwischen den Feiertagen die Hölle los. Das hatte mir ja auch schon Ersie gesagt, es gebe Fälle, die geplant zwischen den Feiertagen ins Krankenhaus gehen, z. B. Gallenblase, oder mit einer Erkältung, Mandelentzündung usw. Und sofern dies vom Arzt verordnet wäre, sie die Patienten auch nicht einfach abweisen könnten. Toll, danke an alle da draußen, die wegen einer pupsigen Erkältung das Krankenhaus belegen…

Er erklärte mir die Alternativen. Möglichkeit A: Ich würde auf eigenes Risiko gehen, wäre aber nicht anzuraten. Wäre auch nicht meine liebste Lösung gewesen. Möglichkeit B: Ich solle Dr. Lorenz anrufen und fragen, ob er bereit wäre, die Antibiose in seiner Praxis durchzuführen. Möglichkeit C: Da druckste er etwas rum, es gäbe die Möglichkeit, dass ich andere Medikamente anstelle der bisherigen bekäme. Die Antibiose, die ich im Krankenhaus erhalten hatte, war Piperacillin/Tazobactam (Pip/Taz abgekürzt), würde durch Tabletten ersetzt, die ich dann auch zuhause einnehmen könnte. Aber es sei intravenös über den Port besser usw. usf. Ich fragte ihn, ob ich Dr. Lorenz anrufen soll oder ob er dies möchte – nein, ich könne ja mal vorfühlen, ob er dazu überhaupt bereit wäre.
Dann erklärte er, dass die Patientin auf meinem Zimmer schon zwei Zyklen Chemo erhalten habe und da „auch nicht gekotzt habe“, ich meinte nur, dass meine Phobie für viele unverständlich sei, er nickte nur ganz leicht und ich dachte nur, wow, empathisches Kerlchen.

Wie dem auch sei, ich verabschiedete mich, er sagte noch, er werde sich mit dem Oberarzt beraten, ob der noch eine Lösung habe, und ich ging aufs Zimmer zurück. Dort holte ich mein Handy und rief in der Praxis an. Dr. Lorenz sei nicht da, ob ich seine Handynummer habe. Ja, danke. Also Jörn geschrieben, er gab mir die Notfallnummer durch und ich musste meinen armen Doc wieder auf seinem Notfallhandy nerven. Er war aber sehr verständnisvoll und lieb, hach ja, mein Arzt! Er hörte, wie schlecht es mir ging, dass ich geweint hatte und konnte nur allzu gut verstehen, dass ich dort nicht sein möchte. Er erklärte aber auch, dass ja das Wochenende bevorstünde. Dann wollte er wissen, ob ich irgendwelche Werte vorliegen hätte (Entzündungswerte?), ich konnte leider nur verneinen. Ich fragte ihn, ob ich seine Handynummer an den Arzt hier im Krankenhaus weiterleiten dürfe, dann würde der ihn kontaktieren und könne ihm Auskunft geben. Ja, das sei in Ordnung. Dr. Lorenz klang so nett, optimistisch und zuversichtlich, dass ich fast wieder losgeweint hätte. Aber ich musste warten, was nun passieren würde.

Ich ging wieder auf mein Zimmer, mein Handyakku war fast leer und ich musste mich nun langsam aber sicher an den Gedanken gewöhnen, hier zu verweilen. Ich suchte mein Strickzeug aus meiner Tasche, riss einen Schnipsel aus meiner Anleitung raus, kritzelte die Handynumme von Dr. Lorenz drauf und ging raus, um den Assistenzarzt oder den Oberarzt zu suchen. Oder eine Schwester. Aber gähnende Leere auf allen Gängen. Fehlte nur noch ein vorbeikullernder Strohballen.
Ich überlegte: Oder sollte ich mich auf eigene Gefahr entlassen? Aber was, wenn das Fieber wiederkäme? Fiebrig fühlte ich mich nicht. Aber keine Ahnung, keiner kontrollierte das und ein Thermometer hatte ich blöderweise vergessen einzupacken.

Wenig später kam der Oberarzt, der mir in einem gefühlt auswendig gelernten Monolog lang und breit erklärte – hier in Kurzform – dass es keine Einzelzimmer gäbe, die Medikation nun umgestellt würde, meine Unterlagen in einer Viertelstunde fertig seien. Als ich ihm ins Wort grätschte und ihm den Zettel mit der Nummer geben wollte, winkte er ab. Schien ihn nicht zu interessieren. Als er fertig war und das Zimmer verlassen wollte, fragte er doch nach der Nummer, er wolle nämlich in der Praxis anrufen, da ich ja gleich vorbeikommen und zwei Rezepte holen würde. Auch gut.

Und dann wurde mir klar – äh, ich darf HEIM! Halleluja, hat jemand Konfetti für mich? Mir wurde vor Freude richtig heiß. Ich rief meinen Mann an, der war baff. Anschließend rief ich meine Mutter an, sie möge doch mal bitte runtergehen und auf meine Kinder aufpassen, mein Mann müsse nämlich jetzt weg – um mich abzuholen. Sie freute sich und machte sich sofort auf den Weg in unsere Wohnung.
Ich glaube es dauerte keine zehn Minuten, da stand mein Mann plötzlich vor mir. Ich zog mir schnell was Frisches an, wies Jörn als Kofferträger an, wünschte Angelika alles, alles erdenklich Gute, und haute ab. Die Portnadel würde ich in der Praxis Lorenz ziehen lassen, vielleicht wollten die ja noch Blut.

Wir fuhren also in die Praxis und ich genoss die frische Luft auf dem Weg zum Auto und sah glücklich aus dem Fenster. Bei der Praxis angekommen, schlug mir der Duft von Weihnachtsmarkt entgegen, der am Ende der Straße seinen letzten Abend feierte. Abends, wenn es so toll duftet, mhh, um die Zeit war ich sonst noch nicht hier gewesen dieses Jahr. Und Weihnachtsmarkt konnte ich mir dieses Jahr ohnehin schenken. Die Infektionsgefahr wäre zu groß gewesen. Also atmete ich einmal tief ein und fuhr mit dem Fahrstuhl in die Praxis. Huch, alles leer. Nur Frau Dr. Kreiss-Sender stand am Empfang, und Karo saß an der Anmeldung – und rief „Wen haben wir denn da – die Moooni!“ Ach, das tat gut. Ich gab Frau Doktor meinen Klinikbericht, sie wussten schon, dass ich komme. Sie tüftelten gemeinsam die Rezepte zusammen und Frau Dr. K.-S. teilte mir mit, dass ich übrigens einen akuten Vitamin D-Mangel habe. Ich hatte Dr. Lorenz kürzlich darauf angesprochen, meine liebste, beste D., die Apothekerin ist, bat mich, ihn nach meinem Wert zu fragen, denn meine Symptome klängen für sie nach einem klaren Mangel. Er schrieb sich also auf, diesen Wert zu prüfen und als ich am 27.12. zur Blutbildkontrolle war, fragte ich nach dem Ergebnis, aber da sei wohl noch nichts bestimmt worden (war ein Missverständnis bzw. wurde damals schon Blut abgenommen). Also wurde am 27.12. getestet. Sie sah mich an „normalerweise testen wir Vitamin D immer mit, ich weiß gar nicht, wieso wir das bei Ihnen nicht getan haben.“ So, genau DAS spiegelt den Großteil meines Lebens wider. „Normalerweise […] aber bei Ihnen nicht, komisch“. Toll. Na ja, nun ist es erkannt und ich bekomme nun Tabletten, aber es ärgert mich schon ein wenig. Es läuft bei anderen immer alles nach Plan und bei mir wird immer irgendwas übersehen, vergessen, nicht gemacht. Oder ich bilde mir das immer ein, hm.

Da sie sonst keine Werte brauchten, zog mir Karo zum Schluss noch die Portnadel und Jörn ging schon mal mit den Rezepten runter in die Apotheke. Ich verabschiedete mich, wünschte einen guten Rutsch und fuhr mit dem Fahrstuhl in die Apo. Dort stellte sich heraus, dass sie nicht alles vorrätig hätten, aber die nette Apothekerin bot an, direkt jetzt zum Großhändler zu fahren, und da sie in unserer Nähe wohne, würde sie nach Feierabend vorbeikommen. Ach, superlieb, so musste Jörn nicht noch mal los. Und kurz vor 19 Uhr brachte sie meine Tabletten – vielen Dank, sooo toll!

Anschließend fuhren wir nach Hause, ich drückte, knutschte, knuddelte meine Kinder, warf mich auf meine geliebte Couch, atmete tief durch und war so glücklich. Nein, ich bin es immer noch. Natürlich habe ich Angst, dass das Fieber wiederkommt. Ich soll 2x tgl. messen, eben hatte ich 37,0 oral gemessen. Also kein sonderlicher Grund zur Sorge. Nun muss ich 3x täglich Amoxillin/Clavulansäute 875/125mg nehmen, dazu 750mg Ciprofloxacin 2x tgl. (richtig, das Antibiotikum, das ich während Chemo 1 und 2 genommen hatte und das Dr. Lorenz abgesetzt und durch Cefuroxim ersetzt hat, weil der Verdacht bestand, Cipro schlage nicht an bei mir, aber das interessierte im Krankenhaus keinen). Und an Tag 1, 3, 5, und 7 und anschließend 1x die Woche Dekristol 20000, das ist gegen den Vitamin D-Mangel.
Der Oberarzt meinte auch, wenn ich nochmals Fieber bekäme, dann müsse ich ins Krankenhaus, und zwar für mindestens eine Woche und dann müsse ich auch hier bleiben. Ich weiß nicht, warum er das sagte, für mich klang es so, wie manche Eltern ihre Kinder verängstigen wollen, um sie eigentlich dazu zu bewegen, doch noch einzulenken.

Wie dem auch sei: Es ist Freitag, der 30.12., ich sitze auf meiner Couch, tippere in meinen Laptop, Romymaus spielt, Mick schläft, Jörn auch noch, es geht mir erstaunlich gut, als hätte mir jemand das Licht angekipst (ob das was mit dem Vitamin D zu tun hat?). Und ich versuche nicht daran zu denken, dass meine Temperatur jederzeit steigen könnte. Denn dann würde ich durchdrehen.

Ich muss die Antibiotika bis einschließlich 04.01. nehmen. Am 05.01. habe ich dann Termin bei Frau Dr. Kreiss-Sender. Die Chemo für den 02.01. ist gecancelt. Klar. Aber sofern meine Blutwerte am 05.01. gut sind, darf ich die Chemo am 06.01. machen. Und das würde so super passen, da hat Jörn nämlich frei und langes Wochenende.

Also drückt mir bitte die Daumen, dass sich mein Körper besinnt, ich fieberfrei bleibe und die Chemo dann eben am 06., statt am 02. stattfinden kann.

P.S.: Man musste mir aber noch im vorläufigen Abschlussbericht vom Krankenhaus einen reindrücken. So wird im Bericht erwähnt, dass ich bei Aufnahme verschnupft gewesen sei (hallo, ich hatte daheim geheult) und unter den Diagnosen: „Psychische Dekompensation bei Emetophobie“ sowie „psychoonkologische Betreuung empfohlen“. Jaa jaa. Ist ja auch nicht so, dass ich die nicht wollen würde. Aber wenn man nicht mal groß die Kraft hat, das Haus zu verlassen, wird es schwer, einen psychoonkologische Betreuung aufzusuchen.

Bis bald – Eure völlig krankenhausgeschädigte Chemonica

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Autor:

Monica L., alias Chemonica, geboren und wohnend seit 30.11.1982 in Braunschweig. Glücklich verliebt seit 2001 und verheiratet seit 2010 mit Jörn (lordlaui), zudem fast vor Stolz platzende Mami von Romy (*19.09.2012) und Mick (*12.07.2016). Am 11.07.2016 warf mir die Diagnose Brustkrebs gehörig einen Knüppel zwischen die Beine (G3, triple negativ, 2,5 cm, 4/10 befallene Lymphknoten etc.) und aktuell setze ich - hoffentlich - alles Machbare ein, um wieder krebsfrei zu werden.

Ein Kommentar zu „Trauma: Krankenhaus, Teil 2

  1. Ich habe schon lange nichts mehr geschrieben aber gelesen. Das mit dem Krankenhauskoller kann ich so gut verstehen! Hatte ich nach der Geburt vom Großen, den unfähigen Ärzten und zig OP´s auch. Nen richtigen Nervenzusammenbruch und ne ultra doofe Krankenschwester. Aber manchmal muss das einfach raus.
    Dekristol nehm ich auch seit ein paar Wochen. 🙂

    Ich wünsche dir/euch trotz allem einen guten Start ins neue Jahr und dass du dann auch mal wieder Zeit hast zur Ruhe zu kommen.

    LG

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