Herber Rückschlag(?)

Hallo, meine lieben Leser!

Heute Morgen ging es also zu Dr. Lorenz. Bzw. weil dieser nicht da war, zu Frau Dr. Kreiss-Sender. Ich wurde von meinem Taxifahrer Marius pünktlich abgeholt und pünktlich bei der Praxis abgesetzt. Tief im Inneren hatte ich die kleine, feine Hoffnung, dass sie und ich kurz besprechen würden, wie es weitergeht, dann Blutbildkontrolle und wenn diese dann in Ordnung wäre, dass man mir anbieten würde, gleich bleiben zu können, montags ist ja Chemo-Tag in der Praxis. So steckte ich mir vorsichtshalber noch Strickzeug und meinen Medikamentenbeutel in die Tasche und schlief auch, wie immer vor Chemos, relativ schlecht. Viel Hoffnung hatte ich zwar nicht, aber ihr kennt das – auch ein Funken Hoffnung tut weh, wenn er dann zerschlagen wird…

Ich musste eine Weile im Wartezimmer warten, und nachdem ich nun eine weitere Woche Krankenhaus in meiner Biographie verzeichnen kann, habe ich für mich beschlossen, nicht mehr ohne Mundschutz raus zu gehen. So saß ich da und alle machten einen großen Bogen um mich herum.
Schließlich wurde ich endlich aufgerufen und durfte schon im Behandlungszimmer Platz nehmen. Kurz darauf kam Frau Dr. Kreiss-Sender herein, ich übergab ihr den Umschlag vom Krankenhaus und sie sah sich die Werte kurz an. Die seien ja nicht allzu berauschend. Sie eröffnete mir dann, dass sie und Dr. Lorenz sich beratschlagt hätten und beide zu dem Entschluss gekommen sind, dass ich nun erst die Strahlentherapie machen soll und im Anschluss die letzten beiden Chemotherapien. Ich saß da und war wie vom Blitz getroffen. Mir soll dieses Gefühl also leider nicht gegönnt sein, dass ich sagen kann „yes, durch mit den Chemos, jetzt zur Bestrahlung“. Nein, mein Körper wird also nun denken „juchuh, endlich kein Gift mehr!“, meine Haare werden jetzt wohl langsam wieder anfangen zu wachsen, nur um dann in einigen Wochen erneut auszufallen. Scheiße, alles scheiße 😦 Ich war ziemlich deprimiert, sagte ihr das auch, aber ich solle mir keine Sorgen machen und Angst haben (weil ich ihr auch gestand, Angst zu haben, dass so der Krebs wiederkommen könnte, oder schneller, wie auch immer). Sie rief dann ihre Kollegin oben an, Frau Volkmer, sie ist die Studienleiterin meiner Gain II-Studie, an der ich bisher teilnahm. Weiteres Vorgehen für heute: Ultraschall vom OP-Gebiet, Blutbildkontrolle, anschließend hoch zu Frau Volkmer, Studienteilnahme beenden (na toll, da fühlt man sich gleich noch mieser…).
Sie machte den Ultraschall, aber dort sieht alles gut aus. Sie tastete auch beide Brüste ab, konnte aber auch nichts finden. Im Anschluss daran ging es ins Labor. Eine weitere Kollegin versuchte Blut in meiner Armbeuge abzunehmen – erfolglos. Daraufhin wollte sie mich nicht erneut pieksen und fragte, ob der Port denn Blut geben würde. Ja, sofern ich denn liege. Okay, also sollte ich ab ins CTG-Zimmer, mich hinlegen, Kollegin zur Blutentnahme am Port käme sofort. Und schon wenig später kam Bussi, so ihr Spitzname, und wir begrüßten uns. Sie wusste noch gar nicht, dass ich im Krankenhaus war, sie dachte ich wäre heute zur Chemotherapie da.
Nachdem Porti freudig wie ein Springbrunnen Blut spendete, ging Bussi kurz raus, um die Werte am Blutbildautomaten zu ermitteln. In der Zwischenzeit kam eine weitere Kollegin zu mir, übergab mir die Überweisung zur Strahlentherapie und einen Zettel mit dem Termin. Leider hätten sie vorher nichts frei, somit geht es dort erst am 23.01. weiter. Bis dahin habe ich nun „Urlaub“. Und mein Körper kann sich Ruhe gönnen, den er wohl auch braucht, denn wenige Sekunden später kam die eine Kollegin zurück, sah mich ziemlich besorgt an „Frau L., Ihre Werte sind katastrophal! Passen Sie ganz, ganz dolle auf sich auf!“ Ich zog ängstlich meinen Mundschutz wieder hoch, sie nickte mir zustimmend zu. „Sobald Sie Fieber bekommen, kommen Sie umgehend hierher, ja? Sonst sehen wir uns Mittwoch zur Blutbildkontrolle.“ Ich nickte verstört, wir verabschiedeten uns und ich fuhr mit dem Fahrstuhl runter. Und versuchte zu realisieren, was jetzt eben alles passiert war:

Mein ursprünglicher Plan, erst die Chemos hinter mich zu bringen und dann die Besrahlung zu bekommen, ist zunichte. Geplant war, die acht Chemos zu schaffen, damit ich Romy endlich wieder in den Kindergarten bringen und abholen kann. Sie vermisst ihre Freundinnen inzwischen, die sie sicher längst vergessen haben. Und ich hatte mir naiv gedacht, ich könne nach den Chemos langsam mein altes Leben wieder aufnehmen, da sich meine Blutwerte und das Immunsystem langsam erholen würden. Und dieses Vorhaben ist nun kläglich gestorben. Romy wird vorerst weiterhin daheim bleiben müssen. Jeder kleinste Schnupfen bedeutet aktuell für mich ein enormes Risiko. Von Noro ganz zu schweigen. Und nun muss ich bis 23.01. warten. Und hoffen. Dass kein Fieber kommt, dass ich gesund bleibe, dass Jörn nichts von der Arbeit anschleppt. Dass sich mein Körper erholt, von den Strapazen der letzten Monate und den Unmengen an Antibiotika, die ich allein vom 28.12. – 04.01. erhalten habe (drei verschiedene AB in großen Dosen).

Und als ich ins Taxi einstieg, fiel mir ein, dass ich komplett vergessen habe, hoch zu Frau Volkmer zu gehen. Na ja, dann eben Mittwoch. Auch die Studie vorzeitig abzubrechen… Es klang heute alles nach Rückschlag, nach „wir brechen ab, das wird nix“, als wäre das alles negativ behaftet. Ich bin heute total durch den Wind. Ich bin traurig. Habe Angst. Fühle mich um Monate zurück geworfen. Als hätte es die Chemos alle nicht gegeben. Habe Angst, dass der Krebs so geballt und mit voller Wucht zurückkommt, weil jetzt wieder so eine große Pause ist. Es gäbe vorher in der Strahlentherapie keinen Termin. Warum können andere problemlos durch ihre Chemo spazieren und wieso muss ich diesen – gefühlten – Umweg in Kauf nehmen? Mir ist heute gnadenlos zum heulen, aber ich lasse es. Zumindest bis Romy schläft. Und während ich das tippe, muss ich die Tränen wegblinzeln. Meine arme kleine, unglaublich tapfere Maus, die wieder am meisten leiden muss. Nicht in den Kindergarten zurückkehren kann. Vorerst. Und ich, die sich heute mal wieder extrem selbst leid tut. Die sich immer ausgemalt hat, wie toll es sein muss, sagen zu können „achte von acht Runden geschafft, jetzt Bestrahlung.“ Es ist alles echt riesiger Mist!

Genug der Jammerei. Ich melde mich – hoffentlich erst Mittwoch und dann mit besseren Blutwerten.

Viele Grüße von eurer enorm traurigen Chemonica!

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Autor:

Monica L., alias Chemonica, geboren und wohnend seit 30.11.1982 in Braunschweig. Glücklich verliebt seit 2001 und verheiratet seit 2010 mit Jörn (lordlaui), zudem fast vor Stolz platzende Mami von Romy (*19.09.2012) und Mick (*12.07.2016). Am 11.07.2016 warf mir die Diagnose Brustkrebs gehörig einen Knüppel zwischen die Beine (G3, triple negativ, 2,5 cm, 4/10 befallene Lymphknoten etc.) und aktuell setze ich - hoffentlich - alles Machbare ein, um wieder krebsfrei zu werden.

2 Kommentare zu „Herber Rückschlag(?)

  1. Ach Monica, leider fällt mir gar nichts tolles ein, um dich zu trösten. Das blöde „dann kann dein Körper sich erst mal etwas erholen“ hast du sicher schon viel zu oft gehört. Ich denke jedenfalls ganz oft an dich und wünsche dir, dass ganz bald alles wieder etwas rosiger aussieht!

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