Konzertbericht Depeche Mode 12.06.2017 in Hannover

(Anmerkung: Nicht wundern, dass er so „fremd“ geschrieben, ich habe ihn für ein DM-Forum geschrieben und wollte ihn nicht komplett umschreiben.)


Hallo liebe Gemeinde!

Hier mal ein Bericht von einem Fan, der anscheinend auf dem falschen Rang gelandet ist…

Wir fuhren aus Braunschweig gegen 17:30 Uhr los und nach einigen kurzen Baustellen-Staus und einem Zwischenfall, bei dem ein LKW neben uns zu spät sah, dass auf seiner Spur ein Sattelschlepper STAND, da Staubeginn, und er im letzten Moment vor uns rauszog und ich danach gerne einen Schnaps getrunken hätte, bekamen wir (zur Entlohnung?) in Stadionnähe einen Parkplatz in einer Nebenstraße. Darüber war ich sehr froh, denn ein weiter Fußweg hin und zurück ist leider noch nicht in meinem Sinne, auch wenn ich „erst“ 34 bin. Ich war nervös wie ein kleines Kind und ließ völlig Teenie-like mein gesamtes Geld am ersten Merchandise-Stand für zwei Shirts, Sweatjacke und Armband (läppische einhundertsiebenundvierzig Euro, das ziehe man sich mal rein…).

Dazu sei gesagt, dass dies a) mein erstes DM-Konzert war, b) mein erster Stadionbesuch. Ja, ja, ich weiß, es gibt treuere Fans und überhaupt, aber irgendwie kam die letzten Jahre immer etwas dazwischen, ob unsere Kinder, Erkrankungen, Geldnot, Arbeit, Umzug, whatever. Es war also gut wuselig im Stadion für meinen Geschmack. Der Einlass aber war schnell und relativ unkompliziert. Meine Tasche (kleine Eastpak-Umhängetasche, hatte mich ja schlau gemacht) war schnell kontrolliert, meine Fishermens Bonbons sowie zwei für den Kopfschmerz-Notfall eingepackte Ibuprofen mussten auf die Mülltonne (ja, alles musste DRAUF gelegt werden, vermutlich haben sich die Ordner hinterher bedient, lach), Kaugummi durfte mit rein. Es war natürlich für Männer und Frauen getrennt eine Schleuse da und auf der Tonne für die Frauen lagen massenweise Bonbons, Kinderriegel, Medikamente und Deos. Vorher hörte ich, dass man ein Fernglas hätte mitnehmen dürfen (hätte ich DAS vorher gewusst!), kleine Kameras auch, aber große nicht, aber die Definition, wo klein aufhört und groß anfängt, wisse man auch nicht genau. Deos und andere Sprays durften auch nicht rein, aber mein Desinfektionsgel und Hygienetücher. Danach schwirrte noch der Metalldetektor über meinen Körper und wir konnten problemlos rein. Zu der Taschenabgabe, die wohl chaotisch am Ende gewesen sein soll, kann ich nichts sagen. Es war ein kleiner Pavillon und ich hatte anfangs noch überlegt, meine Jacke und Weste abzugeben, weil ich mir ja zuvor eine Sweatjacke gekauft hatte, aber mein Mann riet mir davon ab und wir schleppten alles mit rein. Bei Sitzplätzen ja auch nicht soo tragisch.

Wir irrten durch die Menge und fanden endlich unseren Rang. Mein Mann hatte mir die Karten zum Geburtstag geschenkt und es war lange unsicher, ob ich überhaupt am Konzert teilnehmen kann. Meine Aufregung wuchs und wuchs. Es dröhnte, die Vorband ALGIERS spielte bereits. Nicht wirklich mein Geschmack, aber auszuhalten. Es dröhnte ziemlich und es wupperte in meinem Bäuchlein. Oh, ich spürte die Vorfreude, wie gut sich das anfühlen muss, wenn erst meine Lieblingsmusik gespielt würde…!

Wir fanden unsere Plätze und es war echt gut laut und dachte noch „uff, das soll ich so lange aushalten?“ und war sehr dann froh, einen Sitzplatz zu haben. Meine Kondition ist echt noch im Eimer und die „paar Meter“ vom Auto bis zum Sitzplatz waren für mich echt schon eine Herausforderung. Wir waren relativ spät da (ca. 19:45 Uhr), aber da wir ja Sitzplatzkarten hatten, war das auch in Ordnung so.
Ich versuchte, die Ungeduld und die Zeit zu vertreiben, tippte noch etwas auf dem Handy herum und erkundigte mich bei meiner Mutter, ob meine Kinder schon schliefen und dann endlich, endlich, gegen 20:45 Uhr ging es los!

Was ich als Stadion-Konzert-Neuling nicht wusste: Man darf wohl auf den Rang-Sitzplätzen nicht jubeln, klatschen oder sich freuen, denn mich musterten mehrere Leute merkwürdig, als ich aufsprang und applaudierte, als die Jungs die Bühne betraten. Mir aber liefen die Tränen, die ersten Sounds von „Going backwards“ trafen mich mitten ins Herz und mir wurde bewusst, dass ich es hierher geschafft habe. Nach Hannover, Stadion, Depeche Mode! Ich, Konzert, viele Menschen… Mir kamen die letzten Monate in den Sinn, Diagnose Krebs, einen Tag später Geburt unseres Sohnes, Chemos, Krankenhaus, Nebenwirkungen, Bestrahlung… Ich hatte in den letzten Wochen sogar noch versucht, unsere Karten zu verkaufen. Aber da dies (bekanntermaßen) nicht gelang, es wäre nur zu einem lächerlichen Preis geglückt, nahm ich also all meine Kraft zusammen für diesen Abend. Ich zog die Mütze zurecht, atmete tief ein, ließ die Tränen kullern, schloss die Augen und versuchte den Moment für immer in Erinnerung zu behalten.

Nach kurzer Zeit aber setzte ich mich verunsichert wieder hin, keiner schien sich irgendwie zu freuen und Traurigkeit machte sich in mir breit, wo vorher noch ein erlösendes und freudiges Gefühl war.

Nach dem dritten Lied nahm ich wahr, dass sich die beiden freien Plätze hinter uns füllten. Neben uns blieben das gesamte Konzert drei Plätze frei und das Stadion war recht luftig geblieben, was ich persönlich aber nicht so schlimm fand.

Nach einer Weile, als ich mal wieder aufstand, weil ich wieder genug Power gesammelt hatte, um mitzusingen und zu klatschen, hörte ich hinter mir was, was wie „kann ja wohl nicht wahr sein!“ dachte mir aber nichts dabei – Stadion halt. Mein Mann stand auch auf sowie einige Leute vor und neben uns und wir genossen die Songs und Daves Performance. Irgendwann fuchtelte jemand zwischen mir und meinem Mann herum und eine junge Frau fragte mich, ob wir uns wieder hinsetzen könnten, denn sie würden ja ü-ber-haupt nichts sehen. In dem Moment wurde ich zugegebenermaßen etwas sauer und meinte nur „äääh – nein, ich bin hier nicht im Seniorenheim!“, woraufhin sie mich mit einem „dann kann man sich Karten im Innenraum kaufen“ anzischte. In meiner Wut und Enttäuschung platzte mir die Wahrheit heraus, dass ich das eben nicht kann, da ich Ende April meine letzte Chemo hatte. Daraufhin sah sie mich erschrocken an, hob entschuldigend die Hände und setzte sich wieder hin. Aber ab diesem Moment war ein Großteil meiner Freude und guten Laune kaputt, da ich mich ausgebremst fühlte. Zumal sie auch nicht viel mehr gesehen hätte, da der große Mann vor mir auch schon stand. Und ich bin keine drei Meter breit. Ich sang und tanzte dennoch mit und genoss es irgendwie, DM da weeeeit hinten zu sehen, hatte es mein Mann gut gemeint und die echt teuren Sitzplatz-Rangkarten gekauft. Die meiste Zeit wurden die Song-Videos leider auf allen drei Leinwänden übertragen, mich hätte es gefreut, wenn zumindest eine Leinwand immer Dave und Co. gezeigt hätten, aber das ist ein Luxus-Problem. Aber ich ärgerte mich, dass ich wirklich zu schwach für „da unten“ im Innenraum war und dass es wirklich Leute gibt, die im Stadion ein Konzert über sitzenbleiben können/wollen. Müssen sei mal ein anderes Thema.

Dann kam mir eine Idee, denn es hätte ja sein können, dass sie (auch) körperliche Probleme irgendeiner Art haben und nur nix sagten, ich wollte ja nicht rücksichtslos sein: Ich zog die beiden Jacken, die mein Mann neben uns auf einen der drei leeren Sitz gelegt hatte, weg auf unsere Plätze, drehte mich zu der Frau um, zeigte neben uns und rief ihr zu: „Dann setzt euch beide doch neben uns, dann seht ihr alles und gut is‘!“, denn die Leute vor diesen leeren Plätzen saßen. Sie sah unsicher zu ihrem Mann und ich sah ihn an und diese, sorry, dumme Fratze ist mir immer noch im Kopf. Denn er sah mich nur von oben bis unten verachtend an, hielt seinen Bierbecher in der Hand und schüttelte angewidert den Kopf. Ich rief ihnen zu, dass ich dann auch nicht mehr anbieten könne, und die Frau zuckte nur etwas eingeschüchtert die Schultern.

Wie dem aber auch sei, ich verbrachte den Abend mehr oder weniger ausgelassen, ich versuchte, diese Situation auf sich beruhen zu lassen, aber es ist ein ungutes Gefühl, wenn du weißt, dass jemand hinter dir sitzt, der dir vermutlich die Pest an den Hals wünscht. Aber je länger das Konzert dauerte, desto mehr Leute auf den hinteren Rängen standen auf, tanzten, sangen und jubelten. Und siehe da – auch hinter mir konnte man plötzlich Spaß haben und es wurde aufgestanden, getanzt und mitgesungen. Am Ende waren sie lauter als mein Mann und ich.

Sagenhafte Momente waren natürlich „Never let me down again“, als ein Großteil der Arme schwank – ich konnte leider körperlich nicht lange mit meinem rechten Arm mithalten (betroffene Brustkrebs-Seite), dafür ging der linke eben noch mit 😉 Auch hier liefen mir die Tränen, es war einfach emotional. Sah man auf diversen Live-DVDs dieses Erlebnis, so hat man immer davon geträumt, eines Tages auch dabei zu sein und mitzumachen. Heute nun war es soweit, großartig! Auch bei „Home“ kullerten mir ein paar Tränen, wenn zig tausend Menschen mitsingen, bekommt man eine Gänsehaut vom feinsten, der Text lässt mich auch ohne Stadion schon gerne heulen, genau wie „Walking in my shoes“!

Etwas enttäuscht war ich, dass „Somebody“ ausfiel, war das der Song, unter dem mein Mann und ich damals das Standesamt betraten. Und als Martin „Strangelove“ anstimmte und dann abbrach, dachte ich „haha, hat er uns verarscht und wir alle sind drauf reingefallen, nun kommt doch „Somebody“ – nein, er hatte sich ja nur versungen, hrmpf. Auch hätte ich „Heroes“ gerne gehört, aber das blieb uns leider verwehrt. Dennoch gefiel mir „Strangelove“ sehr gut und ich fand es toll, als es durchs ganze Stadion „Pain will you return it – I’ll say it again – pain“ hallte. Mein Mann war währenddessen kurz zum Getränkestand gegangen, um mir noch die Becher zu besorgen. Ich hatte mich darauf eingestellt, vier Becher mit Wasser zu kaufen und meinen Mann als Schluckspecht zu missbrauchen, wollte ich alle Becher, aber kann nicht viel trinken, da bekomme ich nur einen Gluckerbauch und Magenschmerzen. Aber erfreulicherweise konnte man auch einfach nur vier Becher kaufen mit je 2,- für Pfand. Bei den doch recht hohen Preisen (hatte im Vorbeigehen nur gelesen, 5,- für Cola 0,5 Liter) wäre das doch ein teureres Vergnügen geworden. Aber er kam mit vier nagelneuen Bechern zurück, die ich glücklich in meiner Merchandise-Tragetasche verstaute und weiter sang, klatschte und die letzten Augenblicke des Konzertes genoss, wusste ich ja die Setlist auswendig.

Und dann war es leider soweit – die letzten Töne von „Personal Jesus“ verklangen und die Menge jubelte noch etwas und stimmte kurz „Zu-ga-be!“ an, aber das Licht im Stadion ging an und so wussten wir, dass wir aufgeben konnten. Die Mengen setzten sich in Bewegung und wir mit. Die Menschenmassen verteilten sich aber sehr schnell und so konnten wir in aller Ruhe zum Auto gehen. Mein Mann und ich sagten auf der Rückreise nicht viel, uns klingelten noch die Öhrchen.

Alles in allem ein tolles Konzert, aber wenn ich eines gelernt habe: Mein nächstes Konzert wird wieder DM sein, aber ich werde mich an eine Seite setzen, näher an die Bühne, und auf dem obersten, letzten, hintersten Rang setzen, damit ich niemanden hinter mir stören und ausgelassen DM feiern kann, weil ich wohl leider zu gehandicapt bleiben werde, um jemals im Innenraum stehen zu können. Ich weiß nicht, ob ich hätte anders reagieren, handeln sollen, und weiß nicht, ob es mir im Nachhinein leidtun sollte, mich nicht ihr zuliebe hingesetzt zu haben. Aber ich gebe zu, mein Egoismus war an diesem Abend einfach stärker. Ich habe mich so lange auf DM gefreut und wollte dieses Erlebnis möglichst nicht nur im Sitzen verbringen.

Auf jeden Fall schlief ich gegen halb Zwei nachts selig in meinem Bett ein, merkwürdigerweise immer mit der Zeile von „Shake the disease“ als Ohrwurm („here is a plea, from my heart to you, nobody knows me as well as you do, you know how hard it is for me to shake the disease, that takes a hold of my tongue in situations like these… understand meeee… understand meee…“ auch zwei Tage später eine Endlosschleife in meinem Kopp! Obwohl ich das Lied nie sonderlich gut/schlecht fand) – und um halb sechs hatte mich der Alltag in Form eines elf Monate alten, kleinen Jungen wieder, der mich fröhlich krähend weckte und langsam Hunger anmeldete, und zeitgleich traf mich eine Hand meiner vierjährigen Tochter am kahlen Kopf, die mich fragte, wie das „Deppesch Mord“-Konzert war.

P.S.: Ja, ich weiß, das Bild ist von der Entfernung her ein Witz, aber so sah es für uns halt aus.

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Autor:

Monica L., alias Chemonica, geboren und wohnend seit 30.11.1982 in Braunschweig. Glücklich verliebt seit 2001 und verheiratet seit 2010 mit Jörn (lordlaui), zudem fast vor Stolz platzende Mami von Romy (*19.09.2012) und Mick (*12.07.2016). Am 11.07.2016 warf mir die Diagnose Brustkrebs gehörig einen Knüppel zwischen die Beine (G3, triple negativ, 2,5 cm, 4/10 befallene Lymphknoten etc.) und aktuell setze ich - hoffentlich - alles Machbare ein, um wieder krebsfrei zu werden.

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