Schbin noch da!

Hey, ihr Raketen!

Ja, ja, Ex-Che-Monica schreibt ja gar nix mehr. Zu meiner Schande muss ich dies gestehen, der Alltag nimmt mich wirklich in Beschlag.

Ich lasse die schlimme, auslaugende, kräftezehrende und todesangstverbreitende Zeit, die hinter mir liegt, so selten wie möglich in meinen Kopf, was zur Folge hat, dass ich relativ wenig an Krebs denke. Oder es zumindest versuche. Natürlich gibt es Phasen, an denen ich an ein Rezidiv denke. Leider kommt so ein Moment ganz oft, wenn ich gerade etwas sehr Schönes erlebe.
So letzte Woche: Wir Vier waren allesamt draußen, es fielen dicke Schneeflocken, Mickman, mein riesiger Babybär, ja „schon“ 17 Monate alt (12,6 kg auf 82 cm), saß eingemummelt auf unserem neuen Schlitten mit Lehne und verzog das Gesichtchen so angewidert, weil er tatsächlich die eine oder andere weiße, furchtbar kalte und auch nasse Flocke ins Gesicht bekam, meine kleine, doch schon viel zu große, selbst immer wieder betonende „ich bin ja schon Fünf!“-Süßmaus-Romy saß vor ihm auf dem Schlitten, und Jörn zog die beiden durch die etwa fünf Zentimeter knatschenden Schnee, und ich lachte und freute mich und genoss den Anblick. Freute mich über jede Flocke, die mein immer noch viel zu dünnes, lockiges, wirres Haupthaar traf (da ich Mützen inzwischen meide wie den Tod selbst), und da traf es mich wieder mitten ins Herz: „Du bist gesundheitlich angezählt!“ Und es ließ mich richtig zusammenzucken. Solche Momente habe ich dann und wann, und ich versuche sie dennoch in etwas Gutes umzuwandeln. Ich bin immer noch da.
Mit meiner Psychoonkologin, zu der ich nur noch alle sechs bis acht Wochen gehe, sprach ich darüber kürzlich. Sie kann diese Gedanken gut nachvollziehen und ihr erzählte ich auch davon, dass ich mich schon dabei ertappt habe, dass ich dachte: Wenn ich ein Rezidiv erleiden sollte und eines Tages sollte der Krebs unheilbar sein, so ist das eigentlich ein schöner Tod. Schön in dem Sinne, dass ich mich von allen, die mir wichtig sind, verabschieden könnte. Meinen Kindern noch unzählige Male sagen könnte, wie sehr ich sie liebe, dass ich von irgendwo hoch oben auf sie herab schauen und auf sie aufpassen werde, so gut ich kann. Und wir uns eines Tages wiedersehen. Ich meine, bei welcher anderen Krankheit hätte man diese Chance? Spontane Krankheiten mit tödlichem Verlauf wie Schlaganfall, Herzinfarkt oder Unfall würden mir diese so wichtige Chance nehmen. Ich weiß, das klingt fast etwas morbide, aber irgendwie tröstet mich dieser Gedanke und nimmt mir einen Hauch Angst vor der bedrohten Wiederholung der Tortour Chemo/Bestrahlung, die so viele Einbußen mit sich brachte. Wie gerne wäre ich physisch und psychisch durch diese Zeit spaziert. Aber die Zeit hat zumindest ein paar Wunden, na, nicht geheilt, aber zumindest ist eine kleine Schicht Schorf drauf. Zumindest lerne ich damit umzugehen, Micks Babyzeit nur als völligen Nebel zu wissen. Dafür erlebe ich ihn eben jetzt gesund, munter und fröhlich. Man wird ja demütiger und noch dankbarer, als man früher schon war.

So, und nun muss ich aber auch schon wieder aufhören. Ich habe nämlich gar nicht so groß Zeit, dies war nur ein spontaner Anfall von Gedankennotiz. Gleich holen wir Romymaus vom Kindergarten ab, und dann holen wir – bei Pladderregen, suuuuper Idee. Nicht. – einen Weihnachtsbaum. Aber in den kommenden Tagen haben wir keine Zeit, Jörn hat Nachtschicht.

Falls wir uns nicht mehr lesen, so wünsche ich jedem Einzelnen von euch, die ihr diese schnöden Zeilen lest, eine ruhige, innehaltende Zeit, Zeit, nehmt sie euch, denkt daran, was ihr habt, und nicht an das, was ihr nicht habt. Genießt die besinnliche Zeit, die Adventssonntage, die Ruhe, die der Schnee mit sich bringt.

Bis bald – euer Semino Rossi. Äh, ne, Monica. Pardon, selbe Frisur.
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Autor:

Monica L., alias Chemonica, geboren und wohnend seit 30.11.1982 in Braunschweig. Glücklich verliebt seit 2001 und verheiratet seit 2010 mit Jörn (lordlaui), zudem fast vor Stolz platzende Mami von Romy (*19.09.2012) und Mick (*12.07.2016). Am 11.07.2016 warf mir die Diagnose Brustkrebs gehörig einen Knüppel zwischen die Beine (G3, triple negativ, 2,5 cm, 4/10 befallene Lymphknoten etc.) und aktuell setze ich - hoffentlich - alles Machbare ein, um wieder krebsfrei zu werden.

3 Kommentare zu „Schbin noch da!

  1. Super siehst du aus! 🙂

    Und ich les hier tatsächlich immer rein, du steckst in meinem Feedreader und kommst da auch nicht wieder raus. 😉

    Alles Liebe,
    Katharina

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