06.10.2019: Ein grauer Sonntag

Hallo ihr Lieben!

Hach ja, heute ist es grau-trüb draußen. Zwischendurch schien einmal kurz die Sonne, aber sonst…? Grau, grau, grau. Wie meine Stimmung heute. Und ich HASSE das – wenn meine Laune schlecht ist. Denn eigentlich versuche ich immer, mein Glas mindestens halbvoll zu sehen.
Mich hat das Verschieben der Chemo sehr betrübt. Nein, das tut es immer noch. Weil ich seitdem wieder extrem in mich hineinhorche. Warum hatte ich Fieber? Warum zwickt es heute so hinter dem linken Schulterblatt? Warum bin ich NUR noch müde? Ist mein Vitamin D-Spiegel zu niedrig? Muss ich meine Schilddrüsen-Medikation erhöhen/reduzieren? Schwelt etwas anderes in meinem Körper? Wächst irgendwo in mir gerade die nächste Krebs-Baustelle? Denn ein Infekt will auch nicht so richtig ausbrechen. Ich huste nicht, putze auch nicht viel mehr als sonst die Nase und bin einfach „nur“ müde. Aber so müde, dass ich direkt nach dem Nickerchen auf der Couch schon wieder die Augen schließe und nochmals wegknacke.
All diese Gedanken machen mich fast verrückt, weil sie schlichtweg auch einfach nirgendwo hinführen. Aber sie kommen leider einfach. Und heute kamen sie so extrem, dass ich mittags heulend in der Küche in den Armen meines Mannes lag, während wir kochten. Schluchzte ihm kurz die Schulter nass, dass das alles so ungerecht sei. Er weiß dann immer gar nicht, was er sagen soll, aber sein Shirt zu durchnässen hat in dem Moment einfach nur gut getan.
Dann kamen Romy und Mick um die Ecke und ich beendete mein Gejammer umgehend. Bringt ja auch nix. Aber es ist alles so anstrengend. Dass mein Port jedes Mal eine Sonderbehandlung braucht und ich schon Schweißausbrüche bekomme, dass wir ihn ja auch treffen, damit die Chemo/irgendein anderes Medikament nicht daneben läuft, dass ich auf unbestimmte Zeit den Kochentropf und die Immuntherapie erhalten werde, dass ich nicht weiß, ob inzwischen noch andere Krebs-Baustellen aufgetaucht sind, dass ich nicht weiß, ob die „kleine Stelle hinten links am Hinterkopf“ meines Hirns nicht gewachsen ist und auch noch eine Bestrahlung braucht, dass ich überhaupt nicht weiß, ob sich das alles gerade lohnt, eben WEIL es so viele Baustellen sind… Aber ich werde mich hüten und diese Frage jemals einem Arzt stellen! Solange mir niemand mit dem Wort „palliativ“ kommt, habe ich Hoffnung. Hoffnung auf eine Stabilisierung meines Gesundheitszustandes. Heilung? Mit Metastasen wohl kaum. Aber genau weiß ich es ehrlich gesagt überhaupt nicht. Können sich Metastasen zurückbilden? Keine Ahnung. Hat nie jemand mit mir darüber gesprochen, und ehrlich gesagt möchte ich die Antwort auch gar nicht so genau wissen. Wenn ich Statistiken glauben würde, wäre ich bei meinem hochaggressiven Triple-Negativ-Brustkrebs mit 2,5 cm Tumorgröße schon lange unter der Erde. Aber ich bin noch da. Nur noch eine große Ladung kränker als vorher.

Wisst ihr, was mich übrigens merkwürdigerweise diesen Monat, diesen Oktober, oder besser gesagt Pinktober total wütend macht? Überall Brustkrebs-Beiträge. „Checkt eure Brüste“, „check your boobies“, „total wichtig, dass ihr das macht“, „tastet euch ab“… Jaahaa, ich hab es verstanden. Ich habe es früher nicht genau genommen, nicht gründlich genug abgetastet und habe Brustkrebs bekommen und nichts, aber auch ÜBERHAUPT NICHTS bemerkt. Ich habe mich zu sehr in Sicherheit gesehen. Ich kannte niemanden mit Krebs. Tue ich immer noch nicht. Nur mich, haha. Ich hatte nur Augen für meine Schwangerschaft, für meine Wehwehchen, die schmerzhaften Tritte in meinem Bauch und vor allem die massive Übelkeit in der Schwangerschaft. Ich habe es einfach nicht bemerkt. Aber dieses „tastet euch regelmäßig ab!“ bringt mich irgendwie dieses Jahr extrem auf die Palme. Vielleicht, weil ich mir so manches Mal wünsche, dass ich mich weiterhin „nur“ auf meine Brust fixieren und konzentrieren möchte. Weiterhin regelmäßig zur Lymphdrainage und Nachsorge gehen möchte, um die fünf Jahre möglichst ohne neuen Befund voll zu kriegen, um danach ein halbwegs sorgenfreies Leben führen zu können.
Und nun? Sorgenfrei? Am Arsch! Sorry, aber anders kann ich es (gerade heute) nicht nennen. Meine Sorgen, meine Ängste, meine Angst vor dem Krebs, vor Metastasen, vor neuen Tumoren, ob in den Knochen, Leber, Hirn… Sie wird nie mehr schwinden. Ob ich nun 80 Jahre alt werde (an dieser Stelle darf mal laut gelacht werden…) oder ob ich die 40 Jahre noch erreichen sollte (ich weiß nicht, ob an dieser Stelle nicht auch gelacht werden sollte, wenn auch eher aus Mitleid). Wie ich ja immer sage: Krebs ist der Tod der gesundheitlichen Unbeschwertheit. Und so ist es ja nun. Mit dieser Diagnose war es das mit unbeschwertem Leben. Ab diesem Moment dreht sich der Gedanke um Nachsorge, Untersuchungen, MRT, Röntgen, CT, was auch immer…

Jaaa, ich weiß, heute ist ein grauer Tag für meine Gedanken, ich weiß schon, ich weiß schon. Morgen versuche ich wieder positiv zu denken. Aber heute nervt mich einfach alles. Allein ein Primärtumor wäre schon hilfreich, und kein „hm, es könnte sein, dass Sie Lungenkrebs haben, also behandeln wir mal in diese Richtung“. Es ist alles so ungewiss, und ich bin „erst“ 36 Jahre alt.

Aber wenn ihr mich kennt, dann wisst ihr auch, dass ich meinen Kopf immer schnell aus dem Sand ziehe. Erstens, weil Sand nicht schmeckt höhö, 2. weil mir IMMER noch kein Arzt gesagt hat, wie lange ich mich nicht bücken darf. Und so laufe ich daheim immer noch hier und da mit meinem dummen Greifer herum oder bitte eines meiner Lieben, mir bitte Gegenstand xy aufzuheben (und ihr glaubt gar nicht, wie viel einem herunterfällt, wenn man es nicht selbst aufheben kann und wenn die Finger eh schon fast taub sind – danke liebe Chemo…).

So, Laptop aus für heute und Finger therapieren (= stricken).

Einen schönen Sonntag noch und bis bald!

P.S.: Ihr wisst vermutlich, wie sehr ich Rechtschreibfehler hasse, gerade als Ex-Medizinische Schreibkraft. Aber meine Finger kontrollieren fällt mir momentan unglaublich schwer.

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Autor:

Monica L., alias Chemonica, geboren und wohnend seit 30.11.1982 in Braunschweig. Glücklich verliebt seit 2001 und verheiratet seit 2010 mit Jörn (lordlaui), zudem fast vor Stolz platzende Mami von Romy (*19.09.2012) und Mick (*12.07.2016).

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