31.03.2020: Wann immer ihr Probleme braucht – ich bin für euch da…

Guten Abend ihr Lieben!

Da denkt man, Covid-19 mit all seinen sich unwirklich anfühlenden Auswirkungen inkl. aller Nachrichten würde einen schon genug beschäftigen – denn täglich entdeckt man noch etwas strengere Maßnahmen. So stand gestern vor dem früheren Pförtner-Pavillon, der inzwischen unbesetzt ist, ein weißer Pavillon.
Ich wollte erst an diesem vorbeistratzen, denn ich war auf dem Weg zur Blutabnahme vor meiner Immuntherapie (Pembrolizumab).

Heute Mittag dann klingelte das Telefon – meine Onkologin. Meine Blutwerte seien nicht gut. Einerseits habe ich eine Hyperkalzämie, also zu hohes Calcium im Blut. Und außerdem habe ich sehr wenige weiße Blutkörperchen. Also niedrige Leukozyten.
Wegen dem Calcium kamen wir darauf, dass daran mein Cholecalciferol schuld sein könnte, das soll ich „vorerst gar nicht mehr“ einnehmen (ich muss sie da noch fragen, wie lange nicht – denn einen Vitamin D-Mangel brauche ich auch nicht).
Wegen den niedrigen Leukos: Möglichkeit 1 – Nachwirkungen von meinem Infekt, den ich ja direkt am 11.03.2020 bekam, als ich von meiner letzten Immuntherapie nach Hause kam. Dieser hielt mich ja lange auf Trab und auch heute noch huste ich vormittags öfter. Möglichkeit 2 – seltene, aber mögliche Nebenwirkung vom Pembrolizumab selbst. Was die mieseste Lösung wäre, da ich diesen Wirkstoff künftig dann wohl nicht mehr erhalten würde.
Weiteres Vorgehen: Übermorgen, also am 02.04.2020, fahre ich zum MVZ und gehe zur Kapillarblutentnahme, also einen Fingerpieks. Sollte sich da meine Leukopenie bestätigen, erneutes großes Blutbild am 06.04.2020. Meine Onkologin redete viel und dachte viel laut nach, diktierte sich während unseres Telefonats auch viel selbst und tippte es zeitgleich in den PC. Sie sprach auch von einem Medikament, das ich mir subcutan verabreichen muss – „schaffen Se, ne?“. Aber ob und wie und wann? Habe ich nicht kapiert. Auch der Name ist mir wieder entfallen. Als ich sie fragte, wie das Medikament heiße, lachte sie (echt laut O___o) auf und meinte „ich hab mir das alles notiert, keine Sorge!“. Kurze Zeit später meinte sie plötzlich: „Ihre Kinder sind ja pflegeleicht!“ und lachte wieder echt beängstigend, ich habe diese Frau noch nie so laut und ausgiebig lachen hören… Sie schien meine Mäuse im Hintergrund spielen gehört zu haben, die beiden saßen im Wohnzimmer auf dem Boden und bauten Lego Duplo, aber waren tatsächlich ganz lieb und verhältnismäßig ruhig. Jörn war zu der Zeit den Müll rausbringen und bekam das Telefonat erst zum Ende hin mit.
Fazit:
– Pembrolizumab-Therapie – diese Runde abgesagt
– Knochentropf – diese Runde abgesagt
CT Thorax/Becken/Abdomen – wird vorgezogen auf den 16.04.2020 (war wohl geplant für den 20.04.2020, soweit ich in Erinnerung habe). Böse Vorahnung ihrerseits oder „einfach nur, weil die geplante Therapie nun ausfällt“?

Ich weiß nur, dass der Ausfall vom Knochentropf „nicht sooo wild“ sei, den könne man mal verschieben. Aber über die Immuntherapie sagte sie schon mehrmals, dass diese sehr wichtig sei und nicht verschoben werden könne. Tolle Aussichten…

Und sonst so? Nach der Blutabnahme gestern fuhr ich noch zu Rossmann, kaufte – mit Mundschutz und Einweghandschuhen gekleidet – für 85 Euro allen möglichen Kram ein, anschließend fuhr ich noch zur Apotheke, meine Zoledronsäure holen (da ahnte ich ja noch nichts von meinen Horror-Blutwerten) und neue Euthyrox-Tabletten, vorher holte ich die dafür benötigten Rezepte vom Hausarzt. Jörn hatte zwischenzeitlich bei ihnen angerufen und er schrieb mir, ich solle bei ihnen ans Fenster klopfen, jemand käme dann raus.

Ich fand direkt vor der Praxis einen Parkplatz, parkte ein und sah, dass eine ältere Dame vor dem geschlossenen Fenster stand, den Oberkörper gestützt auf ihren Rollator. Ich blieb also aus Rücksicht im Auto sitzen, denn es schneite auch ganz idyllisch (wer benötigt Ende März noch Schnee? Hmm…). Ich saß also im Auto und dachte „gut, gehste hin, wenn die Alte weg vom Fenster is’…“ – und musste von meinem eigenen Gedanken laut auflachen. SO böse meinte ich das gar nicht, zückte aber mein Handy, knipste den „Beweis“ und schrieb meinen extrem flachen Kalauer aber dennoch Jörn, meiner Schwester und meiner Mutter. Na ja, wenn man sonst nix mehr zu lachen hat, ne wahr?

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Hach ja… Das Schlimmste an dieser Diagnose ist das ständige Auseinandersetzen mit dem eigenen Ableben. Haltet mich für naiv, aber ich habe früher immer gedacht „joa, dann kriegst du Kinder, die werden groß, ziehen irgendwann aus, dann genießt du wieder die Zeit mit deinem Mann, dann gehen wir in Rente und dann haben wir noch einige gemeinsame schöne Jahre. Und eines Tages verlässt dich dein Mann vermutlich vor dir und stirbt.“ An meinen eigenen Tod habe ich nie wirklich nachgedacht, denn ich dachte immer, ich würde weit über 80 Jahre. Warum, verdammt noch mal, bin ich SO übel naiv?

Jetzt denke ich dauernd: „Erwischt dich Corona und du stirbst allein auf einer Intensivstation an einem Beatmungsgerät und siehst keinen deiner Liebsten noch mal?“ Oder: „Wirst du leiden müssen?“ Krebs verbinde ich immer mit Qualen. Organversagen? Wo schlägt sich der Krebs als nächstes wieder? Erneut im Kopf? Leber? Lunge? Ich habe so große Angst davor, am meisten davor, meine Kinder nie wieder zu sehen. Allein diese Worte zu tippen treibt mir die Tränen in die Augen – und schon kullern sie heiß über meine Wangen und ich denke schnell an was anderes…

Die aktuelle Zeit ist eh schon schwer genug, da werdet ihr mir sicher zustimmen. Man kann plötzlich nicht mehr raus, soll Einkäufe vermeiden und hat immerzu Angst, sich „was wegzuholen“. Für mich fühlt es sich also an wie Chemo 3.0. Sozialkontakte fehlen mir nicht, ihr kennt mich (bzw. ja eben gerade nicht, haha). Dass meine Mutter meine Mäuse nicht sehen darf, tut mir sehr leid. Aber wir müssen einfach vernünftig sein, gerade auch mit ihren Vorerkrankungen. Vom 11.03. bis 26.03. war ich ausschließlich daheim, war ja lange krank und draußen hat ja eh alles zu. Was aber zur Folge hat/te, dass ich große Motivationslücken habe – wozu noch anziehen? Man gammelt so in den Tag hinein. Dazu bin ich sehr oft sehr müde (was mir schon Sorge bereitet hat, aber dank meinen Leukos könnte das Rätsel somit gelöst sein) und hatte noch einige Tage oft Kopfschmerzen – wo schon Panik vor einem neuen Hirntumor in mir aufstieg. Aber die Schmerzen sind seit einigen Tagen weg – puh! Dennoch werde ich wohl erst wieder einigermaßen beruhigt sein, wenn MRT aber natürlich auch CT unverändert bzw. befundfrei sind. Drückt mir bitte die Daumen, es wird mal wieder Zeit für einen Mutausbruch :-/

So, 0:20 Uhr, wieder nicht zum Switch spielen gekommen (meine Güte, Animal Crossing New Horizons macht so großen Spaß!), aber morgen ist ja wieder ein trostloser neuer Tag.
Am Ende des Tages möchte ich meinem Mann danken, der heute ENDLICH nach langem Bitten und Betteln heute bei seinem Einkauf wohl Einweghandschuhe trug. Immerhin soll er bitte einfach an uns Drei denken. Mich würde Corona wohl ziemlich aus den Schuhen hauen.
Einen Mundschutz will er weiterhin nicht tragen. Sollte also jemand mehr Geduld aufbringen als ich – kommentiert gerne die Pro-Argumente, denn wenn man denkt, dass ich stur bin: Er toppt mich um Längen 😉

Bis bald – eure Moni!

Autor:

Monica L., alias Chemonica, geboren und wohnend seit 30.11.1982 in Braunschweig. Glücklich verliebt seit 2001 und verheiratet seit 2010 mit Jörn (lordlaui), zudem fast vor Stolz platzende Mami von Romy (*19.09.2012) und Mick (*12.07.2016).

Ein Kommentar zu „31.03.2020: Wann immer ihr Probleme braucht – ich bin für euch da…

  1. Ach Mensch, liebe Moni, ich wünschte, ich könnte dir jetzt irgend etwas Gutes tun. Die Situation ist wirklich bescheiden.
    Dass die Ärztin so gelacht hat, ist vielleicht auch der aktuellen Lage geschuldet. Vielleicht war es ihr Versuch, die Situation etwas aufzulockern.
    Wegen des vorgezogenen Termins würde ich jetzt nicht davon ausgehen, dass wegen der wenigen Tage besondere Eile geboten ist, sondern eher auf vorhandene Kapazitäten tippen und es dem Bemühen der Ärztin zuschreiben, etwas für dich zu tun und ins Handeln zu kommen.

    Ich schicke dir ein paar virtuelle Knuddler, wenn du magst.

    Alles Liebe

    Katja

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