Die Ruhe vor dem Sturm?

Hallo meine lieben Leser!

Gestern also war es wieder soweit:

Wecker auf 6:30 Uhr gestellt, Schilddrüsentablette genommen, mich fertig gemacht, noch ein kleines Nutellabrot gemampft und um kurz vor halb Acht ab zum Taxi.


In der Praxis angekommen hieß es: Blutbild brauchen wir vorher nicht machen, das sei ja zwei Tage zuvor gemacht worden und die Werte waren super. Und da meine letzte Chemo ja nun am 19.12.2016 war, hatten wir diesbezüglich keine großen Schwankungen zu erwarten.
Also konnte ich auch ziemlich pünktlich um 8:00 Uhr hoch in den Therapiebereich. Ich durfte mir einen der beiden Räume aussuchen und ich wählte den kleineren, mit nur drei Plätzen, die Dame, die mit mir zeitgleich hoch ging, wählte den anderen Raum nach mir (ja, danke, so kann man mir auch zu verstehen geben, nicht mit mir in einem Raum sitzen zu wollen).
Ich machte es mir gemütlich und fragte Mariola, die MTA, ob ich mal schnell telefonieren dürfe. Sie lachte und bejahte, ich könne anrufen wen ich wolle. Ich wartete aber zumindest noch, bis Porti angezapft wurde und das Dexamethason in Jonosteril („Vorspülen“) lief.
Hintergrund meines Telefonats: Bisher musste ich für die Beförderung, also das Taxi, lediglich für die erste und letzte Fahrt je 5,- € bezahlen. Nun gibt es seit 01.04.2017 eine gesetzliche Änderung und ich muss künftig JEDE Fahrt zuzahlen, also jede Hin- und Rückfahrt. Sind also nach Adam Riese zehn Euro pro Praxis-Lorenz-Besuch. Da läppert sich schnell was zusammen. Chemotag plus zwei Laborkontrollen, sind also 60,- für die beiden letzten Chemos. Vorausgesetzt auch nur, dass meine Blutwerte einigermaßen gut bleiben und nicht noch was dazwischen kommt, was einen weiteren Arztbesuch erforderlich macht.
Da muss man also jetzt echt rechnen und schauen, wie man sich fühlt. Ob man zu den Laborkontrollen nicht doch lieber selbst fährt. Auch wenn die Parkgebühren in der Casparistraße in Braunschweig echt enorm sind (habe ich kürzlich für 1,5 Stunden Parkdauer ganze 4,- versenken müssen!), so wären 4,- € eben noch weniger als 10,-. Schon traurig, dass man darauf auch noch achten muss. Als wäre der scheiß Krebs nicht schon scheiße genug. Nein, die Krankenkassen haben wohl einfach zu wenig Geld – an dieser Stelle bitte alle einmal herzhaft lachen. Man erklärte mir bei der TK, dass diese Regelung neu gelte, da man es früher so begründet habe, dass die Krankenkasse die Fahrten immer noch günstiger kämen, als würde man seine Chemo stationär machen. Diese Begründung sei laut, hm, genauen Namen vergessen, Bundesversicherungsstelle oder so? aber nicht mehr zulässig, da üblicherweise heutzutage Chemos und Strahlentherapie ambulant gemacht würden, daher sei diese Regelung mit einmalig 10,- zahlen hinfällig. Danke für nichts, liebe TK! Und dann sagt man mir noch, die AOK Niedersachsen handhabe das schon immer so, man müsse da schon immer jede Hin- und Rückfahrt zahlen. Komisch nur, dass meine Taxifahrer was anderes sagen. Man wird also noch angelogen, schön ist das.
Alro rief ich gestern Morgen bei der TK an. Zumal mir mein Taxifahrer sagte, er hatte einen Tag zuvor, also am 05.04.2017, eine Patientin, die bei der TK war, um die Fahrten für ihre Strahlentherapie bewilligen zu lassen, und bekam diese auch anstandslos – und muss nur die erste und letzte Fahrt zahlen. Warum? Weil DIESE Geschäftsstelle in Braunschweig die Änderung ab 01.04.2017 aus purer Unwissenheit noch nicht berücksichtigt hat. Die Geschäftsstelle in Braunschweig, in der ich war, hat eine pflichtbewusstere Mitarbeiterin – zu meinem Nachteil -, die diese Änderung noch im Hinterkopf hatte.
Ich sagte dem Callcenter-Typen am Telefon das alles und er faselte seinen Stammtext herunter, ich solle mich nicht mit anderen Patienten vergleichen, bla bla. Schwafelte, redete, ich unterbrach ihn irgendwann nur und sagte „Also hab ich Pech gehabt und muss zahlen?“ – „Wenn Sie das so nennen wollen, ja“. „Wie würden Sie das sonst nennen, Glück?“ „Ja, nein, nicht direkt, ne?“ und lacht, der Idiot. Ich war danach so sauer, dass mir die Tränen fast kamen. Und ich war in dem Moment echt froh, dass ich allein im Therapieraum saß. Ich versuchte mich danach mit stricken und Radio hören abzulenken, aber es ärgerte mich sehr. Nein, es ärgert mich immer noch. Ich blieb die restliche Chemozeit über leider auch allein im Raum, da zwei Patientinnen wegen Erkältung ausgefallen sind. Und als im Radio plötzlich mein „Krebs-Schwangerschaft-Mick“-Lied (I took a pill in Ibiza von Mike Posner) lief, rollten die Tränen dann doch kurz. Mit diesem Song verbinde ich die schönste und schwerste Zeit zugleich und kein Lied löst in mir so viel Freude, Trauer, Erinnerung an den Tag der Diagnose und Micks Geburt aus. Ich hörte dieses Lied täglich, wenn ich Romy vom Kindergarten holte und Mick fröhlich in meinem dicken Kugelbauch tanzte, da hatte ich meinen geliebten Audi noch und war, so dachte ich es da noch, kerngesund und würde bald ein zweites Mal Mami werden.

Ach ja, immer ist irgendwas. Klar bekommen wir einen  Teil des Geldes am Jahresende wieder, aber wieder einmal muss man in Vorleistung  gehen, muss viel Geld berappen (wenn man bedenkt, dass man ja auch jedes Chemo-Medikament zuzahlen muss, jede Spritze, Tablette, dazu die 220,- € Rehakosten, die über 1200,- € dafür, dass Jörn mit zur Reha kommt uuund sooo weiter), da kommt schon was zusammen. Aber na ja, alles jammern hilft ja nix. Ich habe die kommenden Termine bei meinem Taxifahrer schon durchgegeben, denn auch wenn ich gesundheitlich vielleicht in der Lage bin, nächsten Donnerstag selbst zur Laborkontrolle zu fahren, so mag ich mir eigentlich nicht mal einen Kopf machen, ob ich vor der Tür einen Parkplatz bekomme, und was wenn nicht usw. Den Luxus, mich bringen und abholen zu lassen, muss ich mir jetzt einfach gönnen, auch wenn das jetzt alles kostet. KOTZ!

Aber kommen wir zum fröhlicheren Teil: Bisher geht es mir eigentlich sehr gut. Klar, müde, aber wann mal nicht, ansonsten habe ich Hunger wie die Raupe Nimmersatt. Ich könnte nur (fr)essen. Jörn kocht gerade und ich freue mich gleich auf zwei frische Frikadellenbrötchen mit einer großen Portion Pommes mit Majo und Keppatz, wie Romy immer noch dazu sagt (sie könnte Ketchup inzwischen richtig aussprechen, aber genau wie „Miene-Ma“, so nennt sie jegliche Smilies, sind diese liebenswürdigen Sprachfehler eine süße Angewohnheit geworden). Daher aber die Überschrift, denn ich habe diesmal Sorge, dass die dicken Nebenwirkungen eben erst einige Tage später kommen (Tag 3 – 5 sagt man wohl so, wenn das Kortison nachlässt). Aber beschreie ich es mal lieber nicht, sondern erfreue mich an meinem recht guten Gesundheitszustand.

Ich mache es mir jetzt weiter auf der Couch gemütlich und versuche Kraft zu sammeln, denn ab Montag muss ich den Laden hier wieder alleine wuppen. Und solange kann mein Mann mich für die faulste Sau auf wem-auch-immer-der-gehören-mag-Erdboden halten: Eine Portion Egoismus gehört zu dem saublöden Krebs leider dazu. Und solange es mir einigermaßen geht, möchte ich die Zeit ganz lapidar zum stricken, essen und TV gucken nutzen. Oder schlafen. Aber einfach das tun, was mir gut tut. Plus dazugehörige Kuschelattacken von Mann und Kindern. So könnte es ewig weitergehen – nur künftig dann bitte ohne Krebs!

So, genug für heute von mir!

Bis bald – Eure Chemonica

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Autor:

Monica L., alias Chemonica, geboren und wohnend seit 30.11.1982 in Braunschweig. Glücklich verliebt seit 2001 und verheiratet seit 2010 mit Jörn (lordlaui), zudem fast vor Stolz platzende Mami von Romy (*19.09.2012) und Mick (*12.07.2016). Am 11.07.2016 warf mir die Diagnose Brustkrebs gehörig einen Knüppel zwischen die Beine (G3, triple negativ, 2,5 cm, 4/10 befallene Lymphknoten etc.) und aktuell setze ich - hoffentlich - alles Machbare ein, um wieder krebsfrei zu werden.

Ein Kommentar zu „Die Ruhe vor dem Sturm?

  1. Huhu und Piep! Ich lese noch fleißig mit und erfreue mich daran, dass du die erste deiner letzten beiden Runden gut verkraftet hast.
    Boah dieser Typ am Telefon! Ich werde immer ganz wütend, wenn ich davon höre,wie serviceunfreundlich manche ihren Job machen. Denken​ die, dass ihr Job so sicher ist, oder was gibt denen Anlass?
    Aber ich will auch mal die Krankenkasse loben. Unsere hat es möglich gemacht, dass wir nun endlich bei einem kompetenten Kinderarzt sind. Und das sogar mit beiden Kindern! Ich hab mich gefreut wie Bolle. Klingt total bekloppt, ich weiß, aber du könntest mich absolut verstehen, wenn du wüsstest, was wir durchgemacht haben.

    Schon, dass du dich mit deinem neuen Alten arrangieren kannst. Ich hoffe, dass er dich und die Kids sicher durch die Gegend begleitet und nicht noch mehr, oder sagen wir mal, regelmäßig mit Macken aufwartet.

    So, nun steht die noch die letzte Runde bevor und dann hast du dem blöden Herrn Krebs mal so richtig in den Ar… getreten! Du bist eine knorke Frau und eine sicher tolle Mami für deine zwei Goldschätze.
    Ich lese dich so gern !
    LG..Fühl dich umarmt.

    Gefällt 1 Person

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