Ein weiteres Kapitel endet… 

Hallo, liebe Leser! 

Heute. Heute ist der Tag, auf den ich seit dem 11.07.2016 warte. Der Tag, den ich so herbei gesehnt habe: Der Tag, an dem ich meine letzte Chemo erhalte. 

Und trotz der Freude steigt die Angst. Muss ich das alles bald schon wieder durchmachen, weil ein Rezidiv auftaucht? Kommt der Krebs zurück? Wieder die Brust? Die andere Seite? Oder diesmal Kopf, Lunge, Leber? Wie lange habe ich Ruhe? Für immer? Für ein Jahr? Ein halbes? Vier? Zwölf? Keiner kennt die Antwort. Und selbst wenn sie jemand kennen würde, ich glaube, ich würde sie auch nicht wissen wollen. 

Ich sitze gerade mitten in der letzten Chemo, das Docetaxel läuft durch meinen Port direkt in mein Blut, und mir ist etwas kalt. Ich bin auch ein wenig müde, die letzte Nacht war unruhig, wie immer vor Chemos. Und ich habe Hunger. Schon wieder. Seit der letzten Chemo vor zwei Wochen habe ich vier(!) Kilo zugenommen. Das ist dem Kortison geschuldet, sagte man mir. Ich hoffe, das lässt wieder nach, so kenne ich mich gar nicht. Morgens Augen auf, Hunger. Kann dann aber nicht sofort essen, da ich zuerst meine Schilddrüsen-Tablette nehmen muss. Das ist eine böse halbe Stunde, die man warten muss, während einen der Heißhunger quält. 

Nur mal ein Beispiel: morgens zwei Ei-Brötchen, vormittags während dem Kochen ne komplette Tafel Aldi-ganze-Nuss-Schoki, mittags Schnitzel und Spargel mit gefühlten drei Litern Sauce Hollandaise, nachmittags eine Schüssel Erdbeeren und Sahne – na ja, Sahne mit Erdbeeren trifft es fast besser, abends zwei Ei-Brötchen mit Eisbergsalat und einer ordentlichen Ladung Mayonnaise, und vor dem TV dann noch zig Salzstangen. Wie viele Kalorien sind das wohl? Etwa dreihundert. Millionen. Trilliarden. Aber es schmeckt alles aktuell so gut, es ist zum verzweifeln. Aber ich habe mir vorgenommen: Jetzt ab heute noch zwei Wochen, danach drehe ich mir sonst selbst den Saft ab. Ab dann wird gehungert, bis ich wieder die schöne 75 auf der Waage sehe. 

Lasse ich mal die letzten neun Monate Revue passieren:

11.07. Tag X, der Tag, der mein Leben für immer verändern sollte

12.07. Mick wurde geboren 

04.08. Mein zweiter Geburtstag – Tumor raus! 

19.09. Romys vierter Geburtstag und mein erster Chemo-Tag 

Im Oktober brachte mich Fieber ins Krankenhaus, das sich anschließend als Infekt entpuppte 

Ende Dezember erneutes Fieber, diesmal Neutropenie, also wegen Chemo. Jahreswechsel im Krankenhaus erlebt

Ende Januar sechs Wochen Strahlentherapie, währenddessen zwei Infekte mit ordentlich Fieber  

20.04. Letzte Chemo 

Ich hoffe, der letzte Punkt wird nicht noch irgendwie ergänzt um „anschließend Krankenhaus“ oder so. Aber ich will den devil nicht an die Wand painten. Das versuche ich nun generell nicht mehr, aber es gibt Tage, da fällt es schwer. So verflucht schwer. Aber heute lasse ich keine negativen Gedanken durch, sondern einfach nur die Freude, die Therapie geschafft zu haben. Ich habe zwei Schwangerschaften und eine Krebstherapie überstanden, ohne nur ein Mal kotzen zu müssen. Wobei mir oft, so unendlich oft gammelgurkig war, so elend, so schlecht. 

Ich, Chemonica, Superheldin, lege mein Heldenkostüm – metaphorisch natürlich – in eine Truhe.  Ich hoffe, es darf dort für immer liegen bleiben und dass die Motten es in den kommenden Jahren einfach mampfen, aber man weiß es nicht. Und sollte mich der Krebs wieder heimsuchen, werde ich das Kostüm wieder überstreifen und mich in Chemonica verwandeln und wieder kämpfen. Auch wenn der Weg sehr schwer war, ich würde ihn immer wieder gehen. In der Praxis Dr. Lorenz fühle ich mich sehr gut aufgehoben und ich habe eine so großartige Familie an meiner Seite, die diesen Kampf genauso grandios gemeistert hat wie ich. Mein Mann, der sich so großartig um unsere Kinder kümmert, seiner Arbeit nachgeht und den Haushalt nicht dem völligen Untergang überlässt. Und dennoch hab ich immer was zu meckern – verzeih mir bitte. Meine Mami, die mir am liebsten alles abgenommen hätte, und ich meine wirklich alles. Und ich hab sie nur selten gelassen. Und meine Schwester, die trotz ihrer eigenen Sorgen immer an mich denkt. 

Und ihr: Euch ALLEN möchte ich danken. Jedem Leser, der an mich gedacht hat, mir Aufmerksamkeiten, Geschenke, Goodies, Pakete, Wolle, Postkarten geschenkt hat. Mich mit einer netten Mail unterhalten oder mich mit einem Kommentar hier aufgemuntert hat. Ohne euch wäre der Weg so unfassbar schwer geworden, ihr habt diese schwere Zeit zu etwas ganz Besonderem gemacht und dafür bin ich euch mein restliches Leben, wie lange es ich immer dauern mag, unendlich dankbar und stehe tief in eurer Schuld! 

Ich werde diesen Blog wohl noch ab und an füttern, aber da es eh kaum noch Leser gibt und mein kleines Leben ohne Medikamente, Krankenhausdramen und Blutwert-Maasakern so derbe öde ist, weiß ich wohl schlichtweg nicht mehr sonderlich viel, mit dem ich euch unterhalten könnte. Natürlich werde ich mich zu den Nachsorge-Terminen melden, vielleicht wollt ihr dann gemeinsam mit mir Daumen drücken. 

Bis dahin – eure jetzt sehr müde gewordene Monica 

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Autor:

Monica L., alias Chemonica, geboren und wohnend seit 30.11.1982 in Braunschweig. Glücklich verliebt seit 2001 und verheiratet seit 2010 mit Jörn (lordlaui), zudem fast vor Stolz platzende Mami von Romy (*19.09.2012) und Mick (*12.07.2016). Am 11.07.2016 warf mir die Diagnose Brustkrebs gehörig einen Knüppel zwischen die Beine (G3, triple negativ, 2,5 cm, 4/10 befallene Lymphknoten etc.) und aktuell setze ich - hoffentlich - alles Machbare ein, um wieder krebsfrei zu werden.

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