Chemo 1

Heute ist der 19.09.2016, es ist 9:22 Uhr und seit vier Minuten läuft das erste Medikament durch meine Adern. Dem Krebs wird es nun richtig schlecht gehen, mir hoffentlich nicht ganz so. Es ist alles sehr aufregend, ich habe Hunger, mag aber nichts essen. 

Tschüss Krebs, heute ist mein erster Tag in mein perfektes, hoffentlich krebsfreies Leben!

Nachtrag, 19.09., kurz vor Mitternacht 

So war der Tag:

Nach einer kurzen Taxifahrt mit einer weiteren Patientin und einem sehr netten Taxifahrer war es soweit: Um kurz vor acht betrat ich ziemlich aufgeregt die Praxis und musste noch einen Augenblick Platz nehmen, es sollte noch Blut abgenommen werden, dies wird vor jeder Chemo gemacht, denn wenn das Blutbild, das nach wenigen Minuten vorliegt, zu schlecht wäre, müsste die Chemo ausfallen und verschoben werden (so war es bei meiner Taxi-Mitfahrerin leider). Auch sagen sie dann gleich an, on Quarantäne oder nicht (Mundschutz, Menschenmassen meiden usw.). Caro, die sich selbst Labortussi nennt, versuchte erst aus meiner Armvene Blut zu zapfen, bei mir natürlich wie fast immer ergebnislos. Also zapfte sie meinen Port an. Das wollte sie eigentlich vermeiden, denn man versucht wohl immer lieber erst den Arm, dass wenn das BB schlecht ist, man nicht schon den Port benutzt hätte, was wohl schmerzhafter ist als am Arm (kann ich bisher so nicht unbedingt bestätigen. Klar piekst es beim Port, aber beim Arm auch *Schulterzuck*). 

Das BB also war in Ordnung und ich nahm im anderen Wartezimmer Platz, um noch mit der Ärztin zu reden (meine Studienleiterin ist im Urlaub). So konnte ich all meine restlichen Fragen loswerden und erfuhr dann, dass ich im Studienarm 2 gelandet war. Klar, mir wäre 1 ja auch lieber gewesen 😉 Auf dem Bild kann man meinen Behandlungsplan lesen:

Und dann ging es los. Ich ging nach oben, in den Therapiebereich, und mir kam eine weitere, so nette Helferin entgegen (an dieser Stelle sei die Praxis Dr. Lorenz in BS mit größtem Lob erwähnt, man fühlt sich SO gut aufgehoben!), meinte gleich zu mir „na Schatz, wie geht es dir? Erstes Mal heute, ne?“ Ich entgegnete „ja, und ich bin ziemlich aufgeregt“, da kam sie auf mich zu „Ach komm mal her“, nahm mich in die Arme  und sagte mir, dass sie es mir so angenehm machen möchten wie möglich und wir das schon hinkriegen. Fand ich eine sehr schöne und wirklich beruhigende Geste. Danke Mariola 🙂 

Dann kam ich in einen Raum, der mit vier bequemen Ledersesseln mit passenden Fußstützen ausgestattet war. Drei der vier Plätze waren bereits mit Frauen besetzt. Ich nahm auf dem vierten Sessel am Fenster Platz und ich bekam schon die erste Flasche (Cortison) an meinen, ja, wie nennt man das? Aha, laut Google Infusionsständer (hätte man drauf kommen können, haha), und ich starrte aus dem Fenster und dachte „Hm, was machst du eigentlich hier? Wieso wachst du nicht auf?“. Tja, ich scheine leider wirklich nicht zu schlafen und böse zu träumen. 

Nach kurzer Zeit kamen wir Frauen ins Gespräch und ich erfuhr viele Lebensgeschichten, Erfahrungsberichte, wie man seine Pumpe ausstöpselt, um den Ständer mit aufs Klo zu rollen usw. Das ist der Wahnsinn, was für starke, mutige Frauen mal eben so montagmorgens im zweiten Stock eines Ärztehauses hocken und sich in ihr Leben zurück kämpfen wollen!

Nach schon etwa zwei Stunden und einigen Strickreihen mehr war ich dann fertig, man rief mein Taxi an und ich konnte gerade so noch schnell aufs Klo, schon stand der Fahrer vor mir. Gut, dass man mich vorher informiert hatte, dass das Epi den Urin orange färbt, ich hätte mich sonst ziemlich erschrocken (übrigens stinkt der Urin echt abartig nach der Chemo, bäh!). 

Dann bekam ich noch meinen Plastikbeutel mit allen Medikamenten, auf denen fein säuberlich notiert ist, was ich wann und wie oft einzunehmen habe. Dazu eine kleine Kühltasche, in der die Spritze lagert, Neulasta, die ich mir morgen, na ja, inzwischen heute, an Tag 2, in den Bauch spritzen muss. Noch nie gemacht, das wird Überwindung kosten, hui. Aber so what, zwei Kaiserschnitte, Tumor- und Port-OP, und das meiste davon in den letzten zwei Monaten, da kriege ich das auch noch hin!

Dann ging es heim und ich fühlte mich von Stunde zu Stunde schlechter, wie betrunken (was widerlich ist, da ich keinen Alkohol trinke). So wie eine Flasche Sekt auf ex und die Zunge ist schwer und einem ist leicht gurkig und es ist alles schwammig im Kopf und alles dreht sich leicht. Und dazu die Müdigkeit, die fiese, fiese Müdigkeit. So schlief ich mit Unterbrechungen den restlichen Nachmittag, ging zwischendurch noch duschen (soll man sechs Stunden nach Chemo Ende und ich überlege echt, mir einen Duschstuhl zuzulegen, glaube bei Aldi gibt es noch einen reduziert) und Abend, was mir sehr leid tut, schließlich wurde meine Romy heute Vier Jahre alt. Aber sie sagte mir noch, als sie ins Bett ging, dass das ein ganz toller Tag war. Super! 

Jetzt liege ich hier, Mick liegt auf mir und schläft, ich bin immer noch sehr müde, aber mag gerade noch nicht schlafen, werde noch etwas TV gucken (liege auf der Couch im Wohnzimmer). Ich versuche heute Nacht Mick die Flaschen zu machen, muss ja irgendwie weiter gehen. Ich habe einen komischen Geschmack im Mund, manchmal etwas Oberbauchschmerzen und leichte unterschwellige Übelkeit. Das schlimme ist, dass es mir in den kommenden Tagen plötzlich sehr schlecht gehen könnte. Es kann Tage dauern, bis sich das ganze Ausmaß zeigt. Davor habe ich große Angst. Denn ich muss weiterhin als Mami funktionieren. Ich habe Verantwortung. Der schönste Grund, das überhaupt alles zu überstehen. 

Fazit: Krebs ist echt scheiße unlustig, aber ich bin (noch?) felsenfest davon überzeugt, dass ich das schaffe. Ich möchte auch eine von den tapferen Frauen sein, die ich heute kennengelernt habe.

Übrigens hatte ich, wohl von einem meiner selbst genähten Herzkissen, dessen Stoff ich dummerweise nie vorher gewaschen habe, was mir dann bewusst wurde, einen schlimmen Ausschlag am Kopf:

Das ganze Ausmaß der Pickel kam erst gestern zustande, als wir meine Haare wieder auf 3mm rasierten. Vorher fühlte ich eben nur die Pickel und das jucken. 

Und nun? Ich fühle nur noch zwei, drei Schorfstellen, der Rest ist weg. Ich denke, ich darf dem Cortison danken? Aber hey – solche positiven Nebenwirkungen muss man feiern! Ich merke aber auch echt schon, dass meine Haut austrocknet, und creme brav mit meinem Roche-Posay Balsam, der mir empfohlen wurde (rückfettend). 

So, nun mache ich mir noch eine Serie an. Ich habe etwas Hunger, habe zuletzt zu Mittag gegessen. Aber jetzt esse ich auch nichts mehr, schon seit vielen Jahren versuche ich nach 20 Uhr nichts „großes“ mehr zu essen. Dennoch wiege ich – noch? – zu viel. Laut Messungen 78 kg, was gemein ist, direkt nach der Entbindung hatte ich 73 kg, grr. Und ich bin nur noch 1,74m groß, wo sind die 2 cm geblieben? Frechheit! 

So, gute Nacht liebe Leser, passt auf euch auf!

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Autor:

Monica L., alias Chemonica, geboren und wohnend seit 30.11.1982 in Braunschweig. Glücklich verliebt seit 2001 und verheiratet seit 2010 mit Jörn (lordlaui), zudem fast vor Stolz platzende Mami von Romy (*19.09.2012) und Mick (*12.07.2016). Am 11.07.2016 warf mir die Diagnose Brustkrebs gehörig einen Knüppel zwischen die Beine (G3, triple negativ, 2,5 cm, 4/10 befallene Lymphknoten etc.) und aktuell setze ich - hoffentlich - alles Machbare ein, um wieder krebsfrei zu werden.

5 Kommentare zu „Chemo 1

  1. Liebe Monica, wenn ich Deine Posts lese, muss ich immer daran denken, wie es mir vor fast 5 1/2 Jahren ging. Damals erhielt ich die Diagnose Morbus Hodgkin (Lymphknotenkrebs) . Ich fühlte mich als stünde ich vor einem großen schwarzem Loch. Die Chemo war krass, ich fühlte mich von Durchgang zu Durchgang schlapper, aber ein halbes Jahr später hatte ich die Sache hinter mir, wie ganze Zeit hatte es noch gedauert, bis ich wieder arbeitsfähig war. Ich hatte meine damals 12-jährige Tochter bei mir, für die ich immer da War und weiterhin auch da sein wollte. Der blöde Krebs ist besiegt. Zur Zeit bin ich zur Reha und sehe hier wieder viele Frauen und Männer, die genau wie ich diesen blöden Krebs besiegt haben. Du, liebe Monica hast durch die Studie, in der Du Dich befindest die allerbesten Voraussetzungen auch diesen blöden Krebs zu besiegen, Deine Kinder und Dein Mann geben Dir auch die notwendige Kraft. Und ich denke unser gemeinsames Hobby das Stricken lenkt auch oft ab und solltest Du mal keine Lust dazu haben, dann guck Dir eifach die schönen Projekte an und träume Dich durch Deine „Tapetenrolle“ Deiner geplanten Anleitungen.
    Alles Liebe und viel Kraft für die nächsten Monate wünscht Dir Michaela

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    1. Vielen Dank Michaela! Deine Worte sind Balsam für meine Seele und geben mir so viel Mut und Hoffnung. Ich kenne meine Überlebenschancen nicht, will diese auch nicht erfragen. Aber dann begegnen mir Frauen, die es viel schlimmer getroffen hat als mich und ich bekomme ein richtig schlechtes Gewissen, dass ich manchmal in Selbstmitleid ertrinke und denke „ach, warum ich? Warum jetzt schon? Warum dieses dumme Timing?“ und dann weiß ich aber, dass alles im Leben seinen Sinn hat, auch wenn es nicht immer gleich plausibel erscheint.
      Ich gratuliere dir zu deinem Sieg und hoffe, dass er sich für immer verzischt hat!
      Ich kann es nur erwidern – auch ich wünsche dir ganz viel Kraft und alles Liebe, genieß die Reha (mein Hauptziel, ich hoffe mit meinen Kindern).

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  2. Meine Liebe! Du bist so tapfer! Und ich bewundere dich sehr. Ich bin in Gedanken bei dir. Du bist eine tolle Mami, die alles gibt und noch mehr gibt.
    Happy Birthday noch an Romy. Die kleine Maus ist auch so tapfer. Versteht sie es vielleicht nicht, bekommt sie trotzdem all das mit. Sie wird eine genauso starke Frau, wie du es bist, werden.
    LG Julimami Nickilinchen (Franzi)

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  3. Ich werde deinen Blog regelmäßig verfolgen und ich bin mir ganz sicher, dass wir am „Ende“ lesen werden, dass du den scheiß Krebs besiegt hast. Du bist so stark und deine beiden Mäuse und dein Mann geben dir die nötige Kraft die du brauchst. Ich denke oft an dich und wünsche dir von Herzen alles Liebe! Ich drück dich. Liebe Grüße, Sandra (Yunasam)

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