Dumme Luxussorgen

Hallo meine lieben Leser!

Hier ist sie wieder, eure Chemonica. Das Wesen mit Superheldinantikrebspower. Äh, oder so ähnlich. Schnarch. Ich fühle mich leider immer noch nicht als Superheldin. Dafür zerbreche ich mir seit heute Morgen wieder mal über eine saudumme Sache den Kopf: Magen-Darm-Erkrankungen.
In meiner kleinen, heilen Krebs-Luftblase hier daheim, wo ich Königin meiner heimeligen Couch bin, kann ich diese dumme Krankheit die meiste Zeit lustig verdrängen, auch gerade jetzt, wo Romy nicht in den Kindergarten möchte. Und das Sterilium immer am Waschbecken stehend (dank D. aus B. F. ja auch mit feinstem Pumpspender ausgerüstet :)) gibt mir ein naives Gefühl von Sicherheit. Dazu nehme ich (leider unregelmäßig, dummes Siebhirn) täglich morgens und abends 5 Globuli Okoubaka und schon jubelt mein emetophobiebelastetes Dummhirn und denkt, sie könne den Viren damit entkommen.

Und eines vorweg: Ja, ich hatte heute meine sechste Chemo. 6 von 8 – yeah, Dreiviertel dieses schweren Weges sind gemeistert. Vielleicht mit der schwerste Weg meines Lebens? Ich erlaube mir da aber kein Urteil – bis an mein Lebensende, das so etwas im Jahr 2080 sein darf, bitte, danke. Aber ich bin abergläubisch und ich bin sicher, dass es schwerere Wege gibt als die Krebstherapie. Jaa, das mag jetzt weit aus dem Fenster gelehnt sein. Aber ich glaube, einen geliebten Menschen zu verlieren ist weitaus schlimmer als das, was ich gerade durchmache. Ja, ich habe auch einen wichtigen Teil meines Lebens verloren, für immer, es war auch eine Art Tod, auch wenn es kein lebendiges Wesen war. Aber meine gesundheitliche Unbeschwertheit starb am 11.07.2016 unwiderruflich. Jedes CT, MRT, Mammographie, Vorsorgeuntersuchung, wird mein restliches Leben von großer Angst begleitet sein. Kein sehr schöner Umstand. Nein, richtig große – pardon – Scheiße. Aber so ist es nun einmal.

Aufgewacht bin ich um 5:00 Uhr, als Babybär Hunger meldete. Ich bemerkte die Kopfschmerzen, ich war auch mit ganz leichten Schmerzen eingeschlafen. Aber ich will ja nicht wegen jedem Pups eine Pille nehmen. Also nahm ich eine Ibu, nachdem Mick wieder satt und selig schlummerte und warf mich noch mal auf meine Kuschelcouch. Um 7:30 Uhr ertönte mein „a took a pill in Ibiza“ aus dem Handy, der Wecker. Etwa 0,7 Minuten vorher war Romy zu mir auf die Couch geklettert und wir kuschelten noch einige Minuten ausgiebig.
Nachdem ich fast in Zeitnot kam, weil wir etwas zu lange auf der Couch dösten, schmierte ich mir noch schnell einen Nutellatoast als Proviant und frühstückte ein Stückchen Baumkuchen, duschte und huschte raus. Ich sollte ja heute zu 9:00 Uhr in der Praxis erscheinen, was ich dank pünktlichem Hayo-Taxifahrer auch überpünktlich einhalten konnte. Aber dann hieß es warten, warten, warten. Nach kurzer Zeit bemerkte ich, dass ich überhaupt kein Internet auf dem Handy hatte. „Nur Notrufe“ stand da. Keine SMS schreiben möglich. KREISCH! Meine Kopfschmerzen waren auch noch nicht ganz weg. Dann ins Labor: Ein erneuter Versuch, Porti etwas Blut zu entlocken, scheiterte. Karo schlug aber vor, ich solle nach der Chemo oben Bescheid geben, bevor sie die Nadel ziehen, sollten sie noch mal versuchen, ihm Blut zu entziehen. Vielleicht brauche er doch nur viel Flüssigkeit. Dann erzählte Karo beiläufig, dass ja mehrere Patientinnen ausgefallen seien, es gehe ja Magen-Darm rum. Mein Gesicht: 😮 *schluck schwitz nervös rumfuchtel* Jaaa, schreibt sich witzig, ist aber in Wirklichkeit so, dass ich den restlichen Tag an nichts anderes mehr denken kann. Das kotzt mich schon so selbst an mir an. Jaaa, lacht alle, schlagt mir eine Therapie vor. Nein, ich mache keine Konfrontationstherapie. Davon abgesehen, dass ich nicht glaube, einen Brechdurchfall nach überstandener Antikotztherapie mit Jubelschreien begleitet erleben zu wollen. Nein, das ist einfach eine Krankheit, die niemand möchte. Und diese Panik davor kriege ich wohl einfach nicht los. Doof, ist aber so.
Anschließend versuchte sie eine Blutabnahme in der Armbeuge – Niete. Dann seitlich am Handgelenkt, sozusagen unter dem Daumen. Treffer.
Danach nochmals ins Wartezimmer. Mittelfingermontag. Kopfschmerzen, Porti streikt immer noch, keinerlei Kontaktaufnahme zur Außenwelt. Ich hatte ein doofes Gefühl in der Bauchgegend und wäre es nicht um so viel gegangen, hätte ich die heutige Chemo abgesagt. Aber das würde mein Ziel auf Ende Januar verschieben. Also Arschbacken zusammenkneifen und Superheldin Chemonica spielen.
Endlich wurde mein Name wieder aufgerufen: Ich solle kurz hoch, Nebenwirkungszettel mit der Studienleiterin durchgehen und wieder runter ins – inzwischen proppenvolle – Wartezimmer. Mein Körbchen, gefüllt mit Handtüchern, Decke, Hope, MP3-Player, Nutellabrot und Strickzeug, ließ ich oben stehen, ging runter und nahm Platz. Und wieder warten. Hrrrmmpppff, na toll.

Dann plötzlich holte mich Dr. Lorenz endlich. Und entschuldigte sich für die Warterei. Er fragte mich schließlich nach meinem Befinden, wie es mir ergangen sei und ob ich noch Fragen habe. Ja, ich erfragte, ob wir meinen Vitamin D-Spiegel prüfen könnten, die beste, liebste, freundlichste Apothekerin Deutschlands (sie weiß schon, wen ich meine) schlug vor, dies mal prüfen zu lassen, meine Symptome klängen nach einem Mangel. Dr. Lorenz stimmte zu und ich soll die Werte nächstes Mal erfragen. Eigentlich hatte er noch einen Ultraschall vorgehabt, um zu sehen, wie der OP-Bereich inzwischen aussehe, aber da Porti schon „angezapft“ war (nach der erfolglosen Blutentnahme blieb die Nadel dennoch drin, am Ende des Schlauches bleibt dann immer schon eine Spritze mit Kochsalzlösung zum spülen, die mit Hansaplast an die Kleidung geklebt wird, diese wird dann vor Beginn der Chemo gespritzt, um den Schlauch „drinnen“ wieder aktuell durchlässig zu spülen). Also verschoben wir den US auf das neue Jahr, vor der nächsten Chemo bekomme ich die Untersuchung, das eile wohl nicht so extrem, sonst hätten wir die Portnadel ziehen müssen und das sei auch nicht schön, mich zwei Mal zu quälen/pieksen.

Schließlich gab er mir meinen „Chemozettel“, mit diesem bewaffnet darf ich immer hoch in den Therapiebereich. Ich hüppelte also hoch und Bussi (Anna Busse, auch eine weitere liebe Mitarbeiterin der Praxis Dr. Lorenz) kam mir entgegen, begrüßte mich freudig und ich solle mir doch einen schönen Platz aussuchen, was ich auch tat. Okay, ich gebe zu, ich war feige. Im ersten Raum saß Frau B., mit der ich mich gern und lang unterhalten kann, aber die war gerade schon fertig (es war inzwischen 10:36 Uhr!) und wir wünschten uns ein schönes Weihnachtsfest. Und an weiteren Leuten saßen dort eine Frau, die ich nicht kannte, und die junge Mutter, die sich damals in meiner Gegenwart übergeben musste. Und ich hatte keine Lust auf ein Revival. Ja, ich dumme Egoistin. Aber als häufigsten Tipp bekam ich wohl in den letzten fünf Monaten: „Denk. An. Dich!“ Schwer umzusetzen, aber ich bin ja lernfähig. Und in solchen Fällen muss ich schnell entscheiden, was MIR gut tut und nicht den anderen. Vielleicht hätte sie meine Anwesenheit gefreut. Aber mir hätte es vielleicht nicht gut getan. Es tut mir leid, liebe Frau mit dem schlimmen Schicksal, du, dessen Vor- oder Nachnamen ich gar nicht kenne. Bitte sieh mir meinen Egoismus nach.

Also wählte ich den anderen Raum, dort saß eine Frau und las Zeitschriften. Ich nahm im Ledersessel Platz, zog meine schönen Koala-Stiefel aus, warf mein Handtuch auf den Fußhocker, legte die Beine drauf, deckte meine Beine mit der schönen bunten Häkeldecke meiner Schwester zu und schnappte mir mein Strickzeug. Hey – man muss jede freie Minute nutzen. Und die Chemo beginnt ja immer mit 15 Minuten Vorlauf, also Kochsalzlösung. Ergo: Stricken, bevor die Coolpacks kommen.

Bussi stöpselte mich an und ich widmete mich nochmals schnell meinem Handy, startete es neu. Wieder die Meldung: „SIM-Karte in Steckplatz 1: nicht erkannt. SIM-Karte in Steckplatz 2: nicht erkannt.“ Hm, der erkennt meine Karten nicht. Bussi brachte mir deren Festnetztelefon und ich rief Jörn kurz an, der sich sicher schon Sorgen machte. Denn wenn er etwas über den Facebook-Messenger schreibt, dauert es – bei meiner Handy-draufguck-Sucht – etwa 18 Sekunden, bis ich antworte.

Ich erklärte ihm kurz, was Sache ist. Ich vermutete erst, dass es damit zusammenhängt, dass ich es am Wochenende geschafft hatte, mein Handy fallenzulassen, als ich am Küchentisch saß. Und etwa 30 Sekunden später noch einmal. Danach ging meine Kamera mal wieder nicht. Aber Jörni-Checker schaffte es, den Defekt zu beheben. Aber ich überlegte: Was hat die Kamera mit dem Steckplatz zu tun? Na ja, Mist, es ging jetzt nicht. Ich verabschiedete mich, legte auf und legte Bussi das Telefon auf ihren Schrank.
Toll. Da saß ich, mit Karos „Magen-Darm geht rum“-Worten im Ohr. Immer noch leichten Kopfschmerzen. Mit nicht funktionierendem Facebook. Und streikendem Porti. Mehr Mittelfingermontag geht kaum. Vielleicht noch ein Hundehäufchen, das ich auf dem Weg zum Auto mit meinem Koalastiefel treffen werde? Mal sehen.
Da startete ich das Handy erneut und öffnete es, nahm den Akku raus und sah mir alles nochmals genau an. Da fiel mir auf, dass die SIM-Karte falsch herum eingesteckt zu sein schien. Hahaha, da hatte Jörni-Checker versagt, der hatte sie falsch eingelegt. Oder? Sollte der Fehler so einfach sein? Ich drehte sie richtig herum, startete das Handy – und ich entdeckte mein geliebtes Datenverbrauch-Symbol. Hechel, hechel, da trudelten auch schon die WhatsApp- und FB-Messenger-Nachrichten von Jörn ein. Sabber, stöhn, geifer, ich bin wieder online. Scheiß auf Chemo, ich bin erreichbar. Bin ja schließlich der Nabel die Chemonica der Welt. Puh, zumindest diese Krise abgewendet.

Dann war der Vorlauf vorbei, Bussi spritzte mir was prophylaktisch gegen Übelkeit und das Medikament wurde an den Infusionsständer gehangen. Inzwischen hatte eine weiter Frau auf dem letzten Platz Einzug gehalten. Aber leider sprach keine der beiden Damen. Beide lasen Frauenzeitschriften. Ich fragte nach kurzer Zeit, ob ich heute keine Coolpacks bekäme. „Nee, nur bei Paclitaxel“ – „öh, ach so? Letztes Mal bekam ich welche.“ Da meinte Bussi: „Warte, dann hole ich dir welche, was du hast, haste.“ Na so war das gar nicht gemeint, das ist nämlich echt unangenehm und tut weh. Und stricken kann ich währenddessen auch nicht. Gnampf. Aber ich ließ es über mich ergehen. Aber fürs nächste Mal werde ich es ablehnen. Wenn ich es explizit nicht brauche, dann brauche ich mich ja nicht quälen. Ich nahm mir dann meinen MP3-Player und hörte etwas Musik, merkte aber schnell, dass mich meine Lieder (You and me von Disclosure, Wrong von Depeche Mode, The Story von Greys Anatomy, Show me love von Robin Schulz und andere) fast zum lauten Losheulen brachten, das war alles Musik, die ich noch in diesem Sommer oft gehört hatte und ich musste an die Zeit zurückdenken, als ich einen dicken Babybauch hatte und als es mir verhältnismäßig gut ging und ich mit lauter Musik und guter Laune zum Kindergarten fuhr, um Romy abzuholen. Ich war so voller Freude damals, Vorfreude auf Mick, auf Romy, den Nachmittag, warme, laue Sommernächte, Babybewegungen im Bauch, Neugier auf die Zukunft… Und es war alles irgendwie so anders gekommen. Aber wie las ich gestern Nacht so treffend? Berge auf dem Weg sind dazu da, um erklommen zu werden. Gut, ich klettere ja schon.

Die Zeit zog sich wie Kaugummi. Niemand redete, ich saß mit meinen Eistüten an Händen und Füßen da und starrte die weißen Wände an. Laaangweilig. Grübelneigung. Karos MD-Worte. Teufelskreis. Ich versuchte an schöne, positive Sachen zu denken. Fiel aber irgendwie schwer. Ich dachte an meine Kinder, an Romys Gesicht, das sie an Weihnachten machen wird. Jaa, schöner Gedanke! Und endlich, endlich, auch diese Zeit ging vorüber. Und ich machte gedanklich einen dicken, fetten Haken an diesen Tag. Runde sechs von acht geschafft! Stolz machte sich in mir breit, Freude. Und Müdigkeit, große Müdigkeit. Bussi rief schließlich Marius an, der mich auch kurz darauf abholte. Vorher checkte ich mein Medikamentenbeutelchen, dort schien alles vollständig zu sein (btw: aktuellen Medikamentenplan füge ich morgen ein, bin heute viel zu müde).

Schließlich kam Marius und brachte mich vollständig und zügig heim. Dort schmiss ich, wie immer, mein komplettes Outfit in die Wäsche, wusch mir die Hände gute 30 Sekunden, badete in Sterilium und ließ mich dann auf meinem Rettungsbootsofa nieder. Romy, Mick und Jörn waren noch bei Romys Logopädin und so nutzte ich die verbleibende Zeit und schloss einfach die Augen. Und war – völlig entgegen meines üblichen Schlafverhaltens – nach etwa zehn Sekunden weg. Und wurde erst wach, als mir ein kleines Mädchen freudig ihren Schokoweihnachtsmann zeigte, den ihr die Logopädin geschenkt hatte.

Den Rest des Nachmittags verbrachte ich mehr oder minder auf der Couch, stopfte mir einige Merci-Riegel rein, aß mit meinen Mäusen zu Mittag, spielte etwas Stardew Valley und ging abends duschen. Jetzt habe ich mir meine allabendlichen Buttertoast mit heißer Trinkschokolade reingepfiffen (mein Essverhalten zeigt leider akute Wirkung: wöchentliches Wiegen brachte heute zutage 79 kg. KREISCH! Gut, abzüglich Klamotten machte sie eine 77 kg daraus, aber Trinkschoki, Buttertoast, Baumkuchen und Merci-Riegel fordern einfach ihren Tribut). Aber ich soll mir aktuell ja keine Sorgen um mein Essverhalten machen und essen, wonach mir ist. Und leider schmeckt vieles ja so verdorben, eklig, verfälscht, da bin ich um alles froh, was schmeckt.

So, meine Tochter muss jetzt dringend ins Bettchen und ich auch. Also auf die Couch. Müde. Tag geschafft.

Ich wünsche euch einen schönen Abend und eine gute Nacht!

Bis bald – eure Möchtegern-Superheldin Chemonica, die aber gar keine Superheldineigenschaft hat, wie ihr schmerzlich auffällt. Nur irrationale Angst vor einer dummen, alljährlichen Volkskrankheit namens MD. Blödmonica wäre wohl angebrachter.

P.S.: Danke SPIEGEL ONLINE, bringen sie eben bei Facebook einen Beitrag raus, dass Noro-Viren-Erkrankungen dieses Jahr wesentlich häufiger auftreten. Scheiß 😦

Autor:

Monica L., alias Chemonica, geboren und wohnend seit 30.11.1982 in Braunschweig. Glücklich verliebt seit 2001 und verheiratet seit 2010 mit Jörn (lordlaui), zudem fast vor Stolz platzende Mami von Romy (*19.09.2012) und Mick (*12.07.2016).

4 Kommentare zu „Dumme Luxussorgen

  1. ☺Monihase, MD ist eine olle Kamelle. Seit über 2 Wochen durch. Wollte ich nur mal widersprochen haben☺. Husten und Halsschmerzen sind gerade up to date….. Guuut, auch nicht der Hit. Trotzdem deutlich besser.

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      1. 😉Pah, wer ist Spiegel online?! Niiiie gehört😉. Morgen ruf ich da an und bitte drum, daß die ihren Reporter in die nächste Apotheke setzten. Zum Virenzählen. Zur Strafe, dir solche Angst zu machen. 😚

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